Vergissmeinnicht
von Marlene Emmert
veröffentlicht am 29.06.2025
Reglos steht Florian am Fenster und blickt in den Garten hinaus. Sie verspotten ihn. Diese winzigen Blüten, dicht gedrängt, eine wärmende Decke. Ein grellblauer Zeuge dessen, was sich unter der Erde verbirgt. Er versteht ihre Botschaft nicht, missachtet ihre Warnung. Doch er versteht, dass sie sein Geheimnis an jeden verraten werden, der bereit ist, ihnen zuzuhören. Er muss etwas unternehmen. Ein mittlerweile altvertrauter Druck legt sich auf seine Brust. Die Hand der Schuld, die sein Herz schmerzhaft zusammendrückt.
Doch er wartet, bis sich die Sonne hinter dem Horizont schlafen legt. Die Dämmerung, der Übergang von der hellen in die dunkle Welt, ist die Zeit der Dämonen. Manche von ihnen schlummern tiefer, wachen möglicherweise niemals auf. Doch jeder Mensch hat sie.
Die Grillen zirpen laut, als er mit dem Spaten in der Hand über das Gras schreitet. Feuern sie ihn an oder schreien sie seine Schuld in den Abend hinaus? Das feuerrote Licht der untergehenden Sonne unterstreicht die Schönheit des Gartens. Eine wahre Augenweide. Blumen, Sträucher und Bäume stehen in voller Blüte. Beete, wie bunte Farbkleckse im grünen Rasen. Rosen in kräftigen Rottönen. Lavendel bildet ein betörend duftendes Meer aus Violett. Dazwischen ragen hohe Stauden empor und Sonnenhut, Margeriten und Nelken setzen fröhliche Akzente in Gelb und Weiß. Florian kennt all diese Gewächse nicht. Er sieht die bunten Blüten, bestaunt ihre Schönheit, doch dafür interessiert hat er sich nie. Sogar einen kleinen Nutzgarten hat seine Mutter angelegt. An Bambusstöcken ranken sich Himbeeren und Tomaten empor. Reife Früchte laden zum Naschen ein. Salate gedeihen prächtig in ihren Beeten, während Kräuter herrliche Aromen verströmen. Bienen, Schmetterlinge und Hummeln schwirren trotz der späten Stunde geschäftig umher, sammeln jede kostbare Polle, überwältigt vom Überfluss dieses Schlaraffenlandes.
Der Garten ist ein perfektes Zusammenspiel aus natürlicher Harmonie und menschlicher Kontrolle. Wären da nicht die hellblauen Blüten, die sich den klaren Strukturen der vorgegebenen Beete widersetzen. Vergissmeinnicht. Doch auch diesen Namen kennt Florian nicht. Ein dickes Kissen auf eben jenem Fleck, der noch vor kurzem frisch umgegraben, braun und trostlos dalag. Dichte Blüten ersticken den Rasen, der sein Geheimnis vertuschen sollte. Ein malerischer Schandfleck.
Also stößt er den Spaten in die lockere Erde. Pflänzchen um Pflänzchen zieht er die verräterische Schönheit aus dem Boden. Dabei versucht er nicht an jene Nacht zurückzudenken, in der er tiefer grub. Ein nasses, dunkles Grab für die Herrin dieser Herrlichkeit. Obwohl die Blumen nicht tief wurzeln und die Erde locker ist wie Sand, steht ihm schnell der Schweiß auf der Stirn. Immer lauter schreien Grillen und Vögel in der anbrechenden Nacht. Sie wissen, was er getan hat, wer sich unter dem blauen Grabschmuck aus Vergissmeinnicht verbirgt. Sie sind wütend, weil Florian ihnen die Mutter genommen hat.
Er arbeitet schnell und gewissenhaft. Jede noch so feine Wurzel zieht er aus der Erde, bis das dunkle Braun wieder brachliegt. Der zufriedene Ausdruck auf seinem Gesicht passt nicht zu dem festen Druck, mit dem die Hand sein Herz immer noch umschließt. Der Anblick dieses kahlen Flecks stimmt ihn traurig. Doch er hat gelernt, seinen Schmerz zu ignorieren. Die Schubkarre, die nun mit einem gigantischen Blumengesteck beladen ist, entleert er auf dem Kompost. Von ihm aus können die hartnäckigen Pflänzchen den Haufen gerne überwuchern. Ohnehin wird der Garten verwildern, jetzt, da sich keiner mehr um ihn kümmern kann. Doch dieser braune Fleck, der sein Geheimnis wahrt, ist der falsche Ort, die Rückeroberung zu beginnen.
Erschöpft von Anstrengung, Reue, Gewissensbissen und Scham, wiegen seine Schritte schwer, als er die Treppe wieder nach oben steigt. Er fällt in sein Bett. Hände und Kleidung sind mit Erde bedeckt. Er meidet den Anblick. In der Dunkelheit sehen die braunen Flecken aus wie getrocknetes Blut. Doch das ist nur eine Illusion.
Durch das offene Fenster dringt das wütende Gebrüll der Insekten an seine Ohren. Als wollten sie sicher gehen, dass er sie auch in seinem Schlafzimmer noch hören kann. Er kann sich ihrer Anklage nicht entziehen. Trotzdem fallen ihm die Augen zu. Innerhalb von wenigen Sekunden trägt ihn sein Geist an die Schwelle des wohltuenden Schlafes. Er sehnt sich nach einem traumlosen Schlaf. Nach Vergessen, nur für wenige Stunden. Doch er schafft es nicht, diese Grenze zu überschreiten.
Stille. Durchdringend wie ein Kanonenschlag. Der Garten hält gespannt die Luft an. All die sich tummelnden Lebewesen halten inne, um zuzusehen. Wie ein dunkles Grabtuch legt sich Schweigen über das Paradies. Es wird nur durchbrochen von Florian selbst. Er schlägt die Augen auf, ringt verzweifelt nach Luft. Panik rinnt wie lähmendes Gift durch seine Adern. Hellblaue Blüten versperren ihm die Sicht. Sie wuchern aus Mund und Nase, schnüren ihm die Luft ab. Sogar in seinen Ohren kann er die feinen Wurzeln spüren. Immer tiefer kriechen sie durch seinen Gehörgang, durchstoßen sein Trommelfell. Doch der Schmerzensschrei verliert sich zwischen den winzigen Blumen. Verzweifelt hebt er die Hände zum Mund, greift nach den fragilen Pflänzchen und versucht sie herauszureißen. Doch es gelingt ihm nicht. Die Wurzeln sitzen bereits zu tief. Die fruchtlosen Bemühungen, seine Atemwege zu befreien, werden immer verzweifelter. In blinder Not kratzen seine Fingernägel über die Haut an seinem Hals und in seinem Gesicht, hinterlassen tiefe, blutige Striemen. Ein aussichtsloser Todeskampf. Unaufhaltsam graben sich die Wurzeln tiefer in sein Innerstes, durch die Luftröhre, immer weiter in den Körper hinein. Wundervolle Blütenpracht, betörender Duft und unbeschreiblicher Schmerz, als sie sich gnadenlos den Weg zu seinem Herzen bahnen. Und nun ist es nicht mehr die kalte Hand der Schuld, die sein Zentrum mit festem Griff umschließt. Es sind winzige Wurzeln, die sich wie Schlangen um den Lebensmuskel schlingen, fest und unnachgiebig zudrücken und es langsam aber erbarmungslos in den Stillstand zwingen. Nicht ein einziger Schrei dringt durch das dichte Blätterdach über seinen Lippen, als die Wurzeln sich in seine Venen bohren und sich an dem stockenden Blut satt trinken. Florians verzweifelten Hände erschlaffen, sein Körper erstarrt, den Ausdruck puren Entsetzens ins Gesicht gemeißelt. Stille. Und am Morgen, gehüllt in einen Nebel warmen Sonnenlichtes, wird das Grab im Garten wieder in blauer Pracht erblühen.