Nadel und Gift

von Marlene Emmert

veröffentlicht am 31.08.2025

Nadeln durchstechen entzündete Haut. Entzündete Haut spannt sich über ausgemergelten Körpern. Ausgemergelte Körper sinken in sich zusammen, gefangen im nie endenden Wechsel zwischen den Extremen. Rausch und Ruin. Verzückung, dann Verzweiflung. Jede Nervenfaser zuckt in Ekstase, doch das Wesen, zu dem sie gehören, ist der Inbegriff der Trostlosigkeit. Aus Euphorie wird Elend.

Es ist ein Pakt mit dem Teufel. Sie reichen ihm die Hand, er führt sie in sein Paradies. Keine Vergangenheit sucht sie mehr heim, keine Zukunft, die sie jagt. Der Himmel auf Erden heißt Gleichgültigkeit. Wärme umarmt sie, Geborgenheit zieht sie in ihren Schoß. Dort sehen sie keine Schatten.

Doch die Sonne ist trügerisch. Wo Licht ist, da ist auch Dunkel. Faszination für diese Wunderwelt verschleiert die Finsternis zunächst, die in ihre Leben einzieht. Und wenn sie sich schließlich offenbart, ist es bereits zu spät. Zu tief sitzt die Sehnsucht, zu schmerzhaft nagt der Hunger. Die elenden Wesen lassen die Dunkelheit weiter gewähren, sich ausbreiten, einnisten und jeden Sonnenstrahl ersticken. Denn eher wird ein Süchtiger verhungern, als die lockende Hand des gefallenen Engels auszuschlagen. Was am Anfang ein freiwilliger Handschlag war, wird allzu schnell die verzweifelte Geste eines Ertrinkenden. Stück für Stück wird der einstige Himmel auf Erden zu der einzigen Realität, die bleibt. Und das, was einmal ein Leben war, ist nun eine graue Schattenwelt. Brennende Nadel oder eiskalte Hölle. Eine Entscheidung, die keine mehr ist.

Nicht die Dämonen setzen die Nadeln an der faulenden Haut an, wie eine Pistole an der Schläfe. Sie ziehen auch nicht den Abzug, indem sie den Spritzenkolben im Zylinder nach unten drücken und eiskaltes Feuer durch zerfetzte Venen schießen. All das tun die Hoffnungslosen selbst.

Die Dämonen lassen sich nur neben ihnen nieder. Sanft, liebevoll ziehen sie betäubte Körper in ihren Schoß, liebkosen sie. Dabei reißen sie ihnen die Haare und die Zähne aus und schälen ihnen die Haut vom Fleisch. Oder sie sitzen wie riesige Vögel auf den unter der Last gekrümmten Leibern und lassen ihre Glieder in unkontrollierten Krämpfen durch die Luft zucken. Geduldig, doch unverkennbar hungrig lauern die Dämonen stundenlang über den schlaffen Körpern, während diese gelähmt auf dem kalten, harten Boden liegen. Reglos, doch am Leben.

Dabei macht es keinen Unterschied mehr, denkt Susanne. Ihre Seelen haben diese leeren Hüllen längst an den Teufel verloren. Ihre Lungen mögen sich mit jedem Atemzug aufblähen, ihre Herzen unerschütterlich vergiftetes Blut durch ihre Venen pumpen und die Neuronen in ihren Köpfen blitzende Signale senden. Sie sind Tote, gefangen in erbarmungslos lebendigen Körpern.

Bei jeder gedrungenen Gestalt, der sich Susanne nähert, droht eine überwältigende Welle aus Hoffnung und Furcht sie zu ertränken. Zwei verfeindete Gefühle, die Hand in Hand jeden ihrer Schritte lenken. Seit zwei Jahren hat sie Leni nicht mehr gesehen. Die Augen ihrer Tochter starren ihr seither jede Nacht aus stockfinsteren Zimmerecken entgegen. Stumpf, trübe, schlierig, wie abgestandene Tümpel. Denn so hat Susanne die einst glücklich blitzenden Augen ihrer Tochter zuletzt gesehen. Und dieser Gestank. Die Diener des Todes hatten ihr bereits im Nacken gesessen.

Warum? Eine Frage, die Susanne ihr nie gestellt hat. Denn sie kennt die Antwort. Kannte sie auch damals schon. Fleischwunden flickt man mit Nadel und Faden, Wunden auf der Seele mit Nadel und Verfall. Doch während Schnitte in der Haut verwachsen sind, wenn der Faden beginnt sich von selbst aufzulösen, klaffen die im Inneren immer wieder auf, verlangen den nächsten Stich, den nächsten, den nächsten. Leni hätte sich wieder gefangen, wenn … Ja, wenn was? An welchem Punkt hatte sich das Blatt gewendet? Als sie begann, die Einstiche in ihren Armbeugen mit langen Ärmeln zu verdecken? Als das ruhige, ausgeglichene Mädchen immer weiter hinter einer unruhigen, impulsiven Göre verschwand? Susanne schüttelt den Kopf. Diese Frage frisst sich seit Jahren durch ihre Eingeweide, wie die winzigen, scharfen Zähne einer Ratte durch einen verrotteten Kadaver in der Kanalisation. Es ist der nagende Schmerz der Ungewissheit, zu welchem Zeitpunkt ihr eigenes Versagen unwiderruflich wurde. Wann hätte ein liebevolles Gespräch noch einen Unterschied gemacht? Wann hätte sie ihre Tochter zu einem Arzt bringen sollen? Wann hätte sie Lenis Zimmertür zu ihrem eigenen Wohl von außen abschließen müssen?

Susanne kann sich gut an den schwachen Hoffnungsschimmer erinnern, den sie damals noch im Herzen trug. Sie glaubte tatsächlich, dass alles wieder gut werden würde. Schließlich liebte sie Leni. Früher oder später würde ihre Tochter merken, dass sie die heilende Umarmung der Droge auch von ihrer Mutter bekommen konnte. Jeden einzelnen Cent hätte Susanne gegeben, um ihre Tochter von den Dämonen der Sucht zu befreien. Doch sie hatte nie die Möglichkeit, ihr das zu sagen. Denn diese Hoffnung war in der stetig steigenden Flut der Verzweiflung ertrunken, als aus einzelnen Nächten, in denen Leni nicht nach Hause kam, erst Wochen, dann Monate wurden.

Welche von Susannes zahlreichen falschen Entscheidungen war diejenige gewesen, wegen derer Leni ihr endgültig entglitten war? Wie ein nasser Fisch, der sich aus ihrem Griff wand, um sich in den trügerischen Stillstand am Meeresgrund zurückzuziehen. Damit war alles vorbei. Ihre Tochter war fort. Kein Teil ihres Lebens mehr.

Bis jetzt. Ein Nachbar glaubt, Leni gesehen zu haben. Das kleine Mädchen, das gestern noch mit seinem Hund gespielt hat, heute zusammengesunken zwischen all den anderen Junkies am Bahnhof. Deshalb ist Susanne hier, die einzig Lebendige zwischen zahllosen Untoten.

Angst und Hoffnung halten sich die Waage. Susanne will ihre Tochter endlich wiedersehen, und doch will sie es nicht. Nicht so, nicht hier. Nicht zwischen all den anderen Gestalten. Zerstörte Körper, leere Augen. Sie will nicht wissen, wozu die Sucht ihre Tochter in den letzten zwei Jahren gezwungen hat, wozu sie sie gemacht hat. Doch Susanne muss wissen, ob sie noch lebt. Es macht also doch einen Unterschied, denkt sie. Für die Gestalten, die sich willenlos auf dem Boden winden vielleicht nicht. Aber für ihre Familien, ihre Freunde, für die Menschen, die sie einmal gekannt haben.

Susannes Blick huscht von einem seelenlosen Schatten zum nächsten. Von schmerzverzerrten Gesichtern zu völliger Ausdruckslosigkeit. Rastlos, getrieben von Angst und Hoffnung gleichermaßen. Weiter,
weiter … und wieder zurück.

Sie erstarrt. Ihr Herz gefriert zu Eis. Es hört einfach auf zu schlagen. Und es wird nie wieder damit anfangen. Die Welt hört nicht auf sich zu drehen, als Susannes nasse Augen ihre Tochter erblicken, doch ihr Körper weigert sich, den Fortgang der Zeit anzuerkennen. Leni. Nicht viel mehr als ein weiterer Umriss unter vielen. Doch Susanne erkennt sie sofort. Nicht einmal die tief ins Gesicht gezogene Kapuze eines ausgeleierten, schwarzen Pullis kann die Realität verschleiern. Susanne weiß um die rosigen Wangen mit den tiefen Grübchen, die nun unter grauer Haut verborgen sind. Weiche, haselnussbraune Haare in einem einzigen, verfilzten Klumpen über schlaffen Schultern. Zarte Hände, befremdlich zusammengekrampft und mit verkrümmten Fingern. Lenis Augen sind geschlossen. Sie sieht nicht auf, als ihre Mutter mit weichen Knien näherkommt. Durch einen Schleier heißer Tränen wirkt der schmale Körper beinahe wie ein Geist. Susanne versucht, etwas zu sagen, doch kein Laut kommt über ihre Lippen. Kraftlos fällt sie auf die Knie, wird eins mit den zusammengesunkenen Gestalten um sie herum. Sie streckt die Hände aus, tastet nach ihrer Tochter, findet schließlich ein Bein, nur von einer schwarzen Strumpfhose bedeckt. Schmutzig und zerrissen, kaum ein Schutz gegen Wind oder Blicke.

Endlich scheint Leni sie zu bemerken. Müde Augen öffnen sich und Susannes gefrorenes Herz zerbärstet in tausend kleine Eiskristalle. In den trüben Augen kann sie ihr eigenes Spiegelbild sehen. Sonst nichts. Weder Freude noch Feindseligkeit. Keine Spur des Menschen, der Leni einst gewesen ist. Die Augen sollen Fenster zur Seele sein. Doch diese sind leer.