Margarete

von Marlene Emmert

veröffentlicht am 27.04.2025

Mit einem Tuch wische ich ihr den Schlaf aus den Augenwinkeln. Dabei fällt mir auf, wie ledrig ihre Haut geworden ist. Schlaff und faltig liegt sie über ihren Knochen, wie ein nasser Lappen. Meine Margarete. An jedem Tag fallen mir neue Veränderungen auf. Sie durchläuft einen Wandel, der mich gleichermaßen verzaubert und befremdet. „Du bist wunderschön“, flüstere ich in ihr Ohr und meine das auch so. Mein Herz schlägt nur für sie. Schließlich kann sie nichts dafür, wie sehr der Zahn der Zeit an ihr nagt. Ihr Körper ist nur Opfer dessen, was jeden von uns früher oder später ereilt. Der einst straffe Bauch ist aufgebläht. Das blumige Parfum, das ich immer noch jeden Morgen auf ihren Hals auftrage, vermag es kaum noch, den süßlichen Eigengeruch ihres Körpers zu überdecken. Die braunen Augen, in die ich mich vor vielen Jahren verliebte, verbergen sich hinter einem blinden, silberfarbenen Schleier. Doch all das erinnert mich nur daran, seit wie vielen Jahren diese wundervolle Frau bereits an meiner Seite ist. Und wie viel Zeit uns nun immer noch bleibt. Sie lächelt. Das weiß ich, obwohl sie die Kontrolle über ihre Gesichtsmuskulatur verloren hat. Ich sehe es ihr an. Trotz allem hat sie ihren Frohsinn nie verloren. „Das Wasser hat die perfekte Temperatur“, erkläre ich ihr fröhlich, während ich den Schwamm auswringe. „Mein Schatz soll sich ja nicht die wunderschöne Haut verbrühen – oder vor Kälte eine Gänsehaut bekommen. Das macht Falten.“ Ich zwinkere ihr ausgelassen zu. Der Schaum rinnt über meine Arme und tropft mit einem dumpfen Geräusch in den Eimer zurück. Bewegungen und Empfindungen, die mittlerweile zur Routine geworden sind. Ein zärtliches Ritual der Vertrautheit. Trotzdem halte ich inne. „Fast hätte ich es vergessen“, rufe ich überrascht. Der Schwamm fällt platschend in den Eimer zurück, lässt den dichten Schaum über den Rand schwappen und auf den Dielenboden tropfen. Neben dem Bett steht ein einfacher Holzstuhl. Dort sitze ich oft stundenlang, halte die Hand meiner Margarete und zähle ihr all die Gründe auf, aus denen ich sie liebe. Und ich erzähle ihr von all den gemeinsamen Erinnerungen. Natürlich kennt sie diese Geschichten ebenso gut wie ich, doch sie lauscht mir dennoch jedes Mal gespannt, wie ein Kind, dem der Vater die Geheimnisse der Welt erklärt. Sie ist mir näher, seit ich sie beinahe verloren hätte. Ich greife nach dem Handtuch, das über der Lehne des Stuhles hängt, um mir die Hände daran abzutrocknen. Vorsichtig lege ich die Platte auf und setze die Nadel in die Rille. Dann schallt auch schon ihr Lieblingslied durch unser Schlafzimmer. Leise im Takt summend, kehre ich an die Seite meiner Margarete zurück und gebe ihr einen sanften Kuss auf die Wange. Das Waschen ist besonders schwer für sie. Kaum etwas mag so erschütternd sein, wie die Erkenntnis, sich selbst nicht einmal mehr um den eigenen Körper kümmern zu können. Wenn der eigene Leib zum Gefängnis wird. Umso dankbarer ist sie mir, weil ich diese Aufgabe derart bereitwillig übernehme. Und die Musik soll sie etwas von der unangenehmen Prozedur ablenken. „Wie oft bist du zu diesem Takt tanzend durch das ganze Haus gewirbelt?“ Ich lächle sie an. Heute kann sie das natürlich nicht mehr. Beinahe kann ich ihren Schatten noch sehen. Mit geschlossenen Augen in die Melodie versunken, als könne sie auf deren Schwingen dieser Welt entfliehen. Bevor ich erneut nach dem Schwamm greife, werfe ich einen raschen Blick auf die Vorhänge. Wie immer sind sie zugezogen, um uns vor den neugierigen Blicken unserer Nachbarn zu schützen. Doch heute lässt ein schmaler Spalt wenigstens einen einzelnen Sonnenstrahl herein. Weiße Staubpartikel tanzen im Licht und spiegeln sich in den tiefschwarzen Pupillen meiner Margarete wider. Es ist, als blicke ich in einen Sternenhimmel. „Heute ist ein herrlicher Tag. Kannst du die Wärme spüren?“ Der Winter neigt sich dem Ende und trotz der immer noch anhaltenden Kälte übt die Sonne bereits fleißig für den bevorstehenden Frühling. Wie gerne würde ich meinem Schatz den dicken Wintermantel anziehen und einen kleinen Spaziergang machen. Wie früher. Ich seufze, doch verweile nicht in meiner Wehmut. Die Umstände sind so, wie sie nun einmal sind. Und ich liebe es, auf diese besondere Weise für meine Margarete da sein zu dürfen. Also hebe ich behutsam ihren Arm an, um mit dem Schwamm über die dünne, beinahe durchsichtige Haut zu fahren. Der unangenehme Geruch, den ich mittlerweile bereits von ihr kenne, dringt in meine Nase. Ich wasche sie jeden Tag, doch er wird immer intensiver. Er beunruhigt mich, denn er zwingt meine Gedanken in eine Zukunft, die ich lieber ausblende. Doch weder meine Sorgen noch den Ekel lasse ich mir anmerken. Schließlich soll sich meine Margarete nicht vor mir schämen müssen. Mit dem Schwamm befreie ich langsam ihren ganzen, hinreißenden Körper von dem dünnen Ölfilm, der sich immer wieder aufs Neue auf ihrer Haut bildet. Währenddessen plaudere ich mit ihr. Das mache ich immer. Schließlich ist sie noch hier, auch wenn sie nicht mehr antworten kann.

„Heute Morgen habe ich Jakob getroffen. Erinnerst du dich an ihn? Unser Nachbar. Er hat nach dir gefragt. Wollte wissen, wann er und Annalena dich mal besuchen dürfen. Aber ich habe ihn abgewimmelt. Schließlich ist es dir unangenehm, so gesehen zu werden. Das weiß ich doch.“ Liebevoll streichle ich ihr über die Wange. Meiner Meinung nach gibt es nichts, wofür sie sich schämen müsste. Sie ist schöner denn je, wie sie erhaben auf den weißen Laken thront. Aber natürlich respektiere ich ihren Wunsch.

Gott vergilt nicht nur Schuld. Er schenkt auch Licht für jedes Gute, das du gibst. Das hat Jakob zu mir gesagt. Er hat es gut gemeint. Er glaubt, ich verdiene eine Belohnung, weil ich mich so aufopferungsvoll um meinen Schatz kümmere. Dabei bin ich doch nur glücklich, dich noch an meiner Seite zu haben.“ Mühelos gleitet der Schwamm über ihre Glieder. Die Intimität, die dabei entsteht, lässt mein Herz jedes Mal höher schlagen. Was habe ich nur getan, um solch ein Geschenk des Himmels verdient zu haben? „Aber dieser Satz ist mir dennoch im Gedächtnis geblieben. Gott. Andere glauben an Karma. Erstaunlich, wie viele Menschen darin etwas Positives finden können, meinst du nicht? Hoffnung auf eine universelle Gerechtigkeit. Ich finde das furchterregend, geradezu anstößig. Eine geheimnisvolle Kraft, die jeden unserer Schritte sieht – die willkürlich über Gut und Böse entscheidet und eigenständig belohnen und bestrafen kann.“ Ich halte inne, streiche meiner Margarete eine feuchte Strähne aus dem Gesicht. „Nicht, dass ich die Richtigkeit meiner Taten anzweifle. Mein Gewissen ist rein. Aber Moral und Ethik sind nur Konzepte, oder etwa nicht? Sie unterscheiden sich von Epoche zu Epoche, von Kultur zu Kultur, von Mensch zu Mensch und von Situation zu Situation. Ich werde nicht von Gewissensbissen geplagt. Ich habe das Richtige getan. Das weiß ich aus tiefstem Herzen. Aber weiß Gott, weiß Karma das auch?“ Ich frage mich, was meine Margarete darauf wohl antworten würde. Sie hat solche tiefgründigen Diskussionen immer geliebt. Sie ist so schlau, meine Margarete. „Kann ich wirklich für etwas bestraft werden, von dessen Richtigkeit ich zutiefst überzeugt bin?“, murmele ich nun. Dabei weiß ich zum ersten Mal selbst nicht, ob ich wirklich mit meiner Margarete spreche oder nur mit mir selbst.

„Bis, dass der Tod uns scheidet. Das habe ich dir bei unserer Hochzeit versprochen. Du warst so atemberaubend schön an jenem Tag. Ein in Weiß gehüllter Engel.“ Ich lächle, wobei mich tiefschwarze Melancholie überkommt. „Streng genommen haben wir unser Wort beide nicht gehalten, oder? Du wolltest einfach gehen. Nach all den Jahren stehst du mit gepackten Koffern vor mir. In diesem Moment brach mein Herz in tausend Stücke, weißt du? Doch nun bist du ja doch geblieben. Nun bleibst du für immer bei mir. Und ich bleibe bei meinem Schatz, sogar noch über deinen Tod hinaus. Wen von uns beiden sollte Karma da bestrafen? Die Frau, die ihr Gelübde vergaß, oder den Mann, der sie zwang, es einzuhalten?“ In ihren glasigen Augen sehe ich Vergebung. Ich hatte keine Wahl, das weiß sie. Und sie ist mir dankbar, wie hingebungsvoll ich mich um sie kümmere. Eine Träne rinnt mir über die Wange. Ein Zeichen der Freude oder der Trauer, ich weiß es nicht. Seit jenem Abend sind beide eben so untrennbar miteinander verschmolzen wie das Schicksal meiner Margarete mit dem Meinen. Ich gebe ihr einen Kuss. Dabei löst sich die Träne von meiner Nasenspitze und landet auf ihrer Wange. Ich wische sie weg. Zärtlich streiche ich mit dem Daumen über die nasse Haut. Sie ist bildhübsch. Ihre Stirn, die sie früher meist in vorwurfsvolle Falten gelegt hat, ist endlich glatt. Ihre bezaubernden Augen, in denen ich allzu oft Enttäuschung, Zurückweisung oder gar Abscheu entdecken musste, starren nun absolut ausdruckslos an die Decke. Den Mund, früher ständig missbilligend geschützt, musste ich fein säuberlich zunähen. Ich habe einfach den Verwesungsgeruch nicht mehr ertragen. Meine Finger streichen über die unsaubere Naht. „Du hättest dich sicher über meinen ungeschickten Umgang mit Nadel und Faden lustig gemacht, oder? Doch mein Schatz wird nie wieder über mich lachen.“

Die Musik verstummt. Das Lied ist vorbei. Stille breitet sich in dem kleinen Zimmer aus. Nur das leise Knistern der über die Platte huschenden Nadel. Fasziniert betrachte ich den reglosen Körper meiner Frau. Vor dem Fenster singt eine Amsel. Die erste, die ihr winterliches Schweigen bricht. Einsam zwitschert sie ihr trauriges Lied und verleiht der Szene in unserem Schlafzimmer eine tragische Magie. „Du bist so wunderschön.“ Ein gefallener Engel zwischen weißen Laken, dem die Wintersonne eine warme Krone aufsetzt. Friedlich. Vollkommen. Im ersten Moment habe ich meinen Wutausbruch an jenem Tag zutiefst bereut. Ich habe geweint und gebrüllt. Doch ich habe das Richtige getan, das weiß ich nun. Seit diesem Abend ist endlich Harmonie in unser kleines Heim eingezogen. Endlich funktionieren wir. Ich kann mich in ihr verlieren, während ich sie in mich aufsauge. Ihre Schönheit, ihre Ruhe, ihre Vergebung. Sie ist so leicht zu lieben. Jetzt. Meine Margarete als stumme Zuhörerin. Ich als aufopferungsvoller Pfleger. Mein Gewissen ist rein.

Doch warum fühlen sich Jakobs mitfühlende Worte, sein unerschütterlicher Glaube an eine ausgleichende Gerechtigkeit, dann so sehr nach einer Drohung für mich an?