Liebe Fina

von Marlene Emmert

veröffentlicht am 26.10.2025

Liebe Fina.

 

Dein Name kommt aus dem Irischen, wusstest du das? Er bedeutet Weinrebe. Meine Fina. Durststillend, berauschend, bittersüß und teuer.

Seit fast zwei Jahren sind wir nun ein Paar. Unsere Beziehung hatte Höhen und Tiefen. Aber ich habe jede Sekunde genossen. Meine Hand zittert, während ich diese Zeilen schreibe. Es ist an der Zeit, den nächsten Schritt zu wagen.

Aber vorher möchte ich dir eine Geschichte aus deinem Leben erzählen. Konzentrier dich, und ließ jedes meiner Worte genau. Du bist mir deine Aufmerksamkeit schon lange schuldig. Es ist an der Zeit, dass du mir gibst, was ich verdiene.  

 

Als ich an jenem Morgen aufstand, ahnte ich nichts von der besonderen Bedeutung, die dieser Tag für mich haben würde. Ich hatte schlecht geschlafen. Meine Glieder schmerzten und mein Kopf dröhnte. Heute bin ich für diesen Schmerz dankbar. Damals war ich es nicht. Trotz meines Zeitdrucks beschloss ich mir auf dem Weg einen Kaffee zu holen. Vielleicht ist dir an dieser Stelle bereits klar, worauf ich hinauswill, Fina.

Ich wollte gerade die Tür zu dem kleinen Laden öffnen, von dem ich heute weiß, dass es dein Lieblingscafé ist, als ich dich zum ersten Mal sah. Die Glastür war noch zwischen uns, doch ich habe deine Schönheit sofort erkannt. Du hattest einen großen Filterkaffee mit wenig Zucker und viel Hafermilch in der Hand. Natürlich konnte ich das nicht sehen, aber du trinkst deinen Kaffee immer so.

Als du deine Hand nach dem Türgriff ausgestreckt hast, ist dir deine Tasche von der Schulter gerutscht. Beinahe hättest du deinen Kaffee fallen lassen. Doch ich war für dich da, so wie ich es immer sein werde. Ich habe dir die Tür aufgehalten und du hast dich bedankt. Du hast gelächelt. Doch schon damals, im allerersten Moment, habe ich dich durchschaut. Ich habe die Traurigkeit in deinen Augen gesehen.

Warum warst du an diesem Tag so traurig, Fina? Es zerreißt mich, dass ich das nicht weiß. Dabei lüge ich mir eigentlich selbst etwas vor. Natürlich weiß ich, warum du traurig warst. Der feine Geruch nach Alkohol, Zigaretten und Schweiß, den dein verflogenes Parfum nicht ganz verdecken konnte. Das verschmierte Makeup, das dir dunkle Schatten unter die Augen zeichnete. Du hast die Nacht bei einem anderen verbracht. Du hast zu viel Alkohol getrunken und dich benutzen lassen, wie eine Hure. In welcher Stellung hat er dich genommen, Fina? Hast du ihn geküsst, bevor du am Morgen gegangen bist? Oder hast du dich hinausgeschlichen, getrieben von Scham und Reue?

Ich wünschte, du hättest das nicht getan. Es nimmt der Geschichte unseres Kennenlernens die Magie. Dabei war es eigentlich ein Vorbote dessen, was noch kommen würde. Alles in unserer Beziehung, jeder schöne Moment, jeder Triumph, hat immer einen Haken. Ebenso wie unser Kennenlernen.

Und doch verzeihe ich dir, was du in dieser Nacht mit dir hast machen lassen. Wenn ich an diesen Moment zurückdenke, in dem sich unsere Blicke das erste Mal kreuzten, will ich mich nicht fragen, ob du damals ein Höschen anhattest, oder ob du das in deiner Eile neben dem Bett deiner Bekanntschaft hast liegen lassen.  

Nein, ich möchte an das blasse Strahlen in deinen traurigen Augen denken, an das leise Zucken deiner Mundwinkel, die sanfte Berührung deiner Schulter, als du dich an mir vorbeigedrückt hast. Ich weiß, du hast es auch gespürt. Das Schicksal, das in diesem Moment seine Karten neu mischte.

Ich habe nie an Liebe auf den ersten Blick geglaubt. Eigentlich habe ich zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht an Liebe geglaubt. Ich war an einem Tiefpunkt. Vielfach zurückgewiesen und verletzt. Wie ein angefahrenes Tier lag ich im Straßengraben und habe mich damit abgefunden, einen elenden, einsamen Tod zu sterben. Dann kamst du. Verkatert, übermüdet und ohne Unterwäsche bist du in mein Leben gestolpert. Und obwohl du deinen Körper auf Partys an Männer verschenkt hast, wie andere einen billigen Wein, warst du innerlich nicht weniger einsam als ich.

Liebe. Kaum einer Emotion wurden wohl mehr Lieder, Bücher und Filme gewidmet. Und doch versteht man sie erst, wenn man sie fühlt. In diesem Augenblick, als wir uns zum ersten Mal sahen, habe ich sie gespürt, Fina. Warm, bedeutungsvoll, schicksalhaft. Mein Leben schlug in diesem Moment einen neuen Weg ein, den niemand hätte vorausahnen können. Am allerwenigsten ich selbst, der sich längst von dem Traum einer Beziehung verabschiedet hatte. Mit einem schüchternen Lächeln, einem flüchtigen Augenkontakt, einem gemurmelten „Danke“ wurde aus dem Ich ein Wir.

Warum hast du dich dagegen gewehrt, Fina? Warum hast du nicht innegehalten, dich noch einmal zu mir umgedreht? Noch bevor ich erfassen konnte, was sich gerade zwischen uns entfaltet hat, warst du fort. Nicht nur durch die Tür hinaus. Fort. Um die nächste Straßenecke in dieselbe Nicht-Existenz, aus der du eben erst aufgetaucht warst.

Ich bin dir nachgelaufen, weißt du? Der Kaffee war vergessen, meine Müdigkeit verflogen. Nur du warst noch wichtig. Ich wünschte, du hättest unsere Liebe einfach akzeptiert und mich nicht in dieser einsamen Leere zurückgelassen. Aber damals wusste ich natürlich auch noch nicht, was zwischen uns steht. Sicher hattest du Angst, warst von dieser unerwarteten Wendung ebenso überrumpelt wie ich.

Ich verzeihe dir deine Flucht, Fina.

 

Seit unserem ersten Treffen habe ich nie aufgehört, an dich zu denken. Doch auf ein Wiedersehen zu hoffen, habe ich nicht gewagt. Manchmal ist das Schicksal gnädig. Es gab uns eine zweite Chance, nur neun Tage später. Warmer Sommerregen prasselte in endlosen Fluten auf den Asphalt und gegen die Busfenster. Zwischen schlecht gelaunten und unter Kapuzen verborgenen Gesichtern stachst du hervor, wie der Mond zwischen den Sternen. Du warst klitschnass, deine Haare klebten dir im Gesicht und du warst leicht außer Atem. Wahrscheinlich musstest du dich beeilen, um den Bus noch zu erreichen. Deine ohnehin schon enge Kleidung klebte an deinem Körper, wie ein Gewandt aus Latex. Sicher war ich nicht der einzige Mann, der seinen Kopf nach dir umwandte. Dir gefällt die Aufmerksamkeit, oder Fina? Wieder diese eine faule Traube im Weinfass.

Die Erinnerung an den Moment, in dem ich dich wiedersah, lässt mein Herz selbst jetzt, nach all der Zeit, noch höherschlagen. Du hast gelächelt. Dabei hast du mich nicht angesehen, doch ich wusste sofort, dass dein Lächeln für mich bestimmt war.

Hast du eigentlich gewusst, dass ich in diesem Bus sein würde? Oder warst du von unserem Wiedersehen ebenso freudig überrascht wie ich? Diese Frage habe ich mir oft gestellt. Mir gefällt der Gedanke, dass du mich abgepasst hast, mir hinterhergerannt bist, wie es die Männer sonst bei dir tun.

Das Schicksal wollte deinen ersten, kläglichen Versuch ihm zu entkommen nicht akzeptieren. Ebenso wenig wie ich.

Damals im Bus, umgeben von prasselndem Regen und muffig riechenden Fremden habe ich nicht verstanden, warum du nicht zu mir herüberkamst. Nicht einmal meine Blicke hast du erwidert. Ich habe dich noch nie angelogen, Fina, und das werde ich auch jetzt nicht tun. Dein Verhalten, die Distanz zwischen uns, hat mich verletzt. Ein eiskalter Dolch in meinem Herzen, dem du gerade erst die Wärme der Liebe gezeigt hattest. Doch dann hast du auf den Halteknopf gedrückt, dich vor die Bustüren gestellt und dich umgesehen, als würdest du auf etwas warten. Es war offensichtlich, was du von mir wolltest.

Also trat ich dicht hinter dir in den Regen hinaus. Für einen Moment waren wir uns wieder so nah, wie bei unserer ersten Begegnung. Diesmal hast du nicht nach Alkohol gerochen, sondern nach nassem Stoff. Wie gerne hätte ich nach deiner Hand gegriffen, dich herumgewirbelt und deine feuchten Lippen geküsst.

Du hast dich von den niederprasselnden Wassermassen nicht hetzen lassen. Ganz langsam bist du gelaufen. Vielleicht hast du insgeheim tatsächlich auf meine Berührung gehofft. Dabei wurde uns zu diesem Zeitpunkt langsam klar, dass unsere Liebe ein Geheimnis bleiben muss. Zwei freie Herzen, gefesselt von unsichtbaren Ketten.

Du hast mich zu dir nach Hause geführt. Dieses grau verputzte, hässliche Reihenhaus. Du hast etwas Besseres verdient, Fina. Ich hätte dir die Welt zu Füßen gelegt, wenn du dich getraut hättest, offen zu mir zu stehen. Aber ich mache dir keinen Vorwurf. Die Liebe ist etwas Beängstigendes. Das habe ich früher nie verstanden. Doch heute verstehe ich es.

Du hast mich ignoriert, aber zugelassen, dass ich dir folge. Das war deine Art mir zu zeigen, dass du mich siehst, dass du mich willst. Und das hat mir gereicht. Ich konnte dein Geheimnis sein, dein Schatten. Also blieb ich im Verborgenen.

Es war schwer, als die Tür an diesem Abend das erste Mal hinter dir ins Schloss fiel, und damit gleichermaßen dich ein- und mich aussperrte. Ich erinnere mich noch gut an die folgenden Stunden. Ziellos, ruhelos streunte ich durch die zunehmende Dunkelheit. Ein einsamer Löwe, der die Paarungsbereitschaft seiner Partnerin riechen konnte, und dem die Vereinigung dennoch unmöglich war.

 

Am Anfang kam ich dich nur selten besuchen. Ich hoffe, du kannst mir meine anfängliche Zurückhaltung verzeihen, Fina. Dir so nah zu sein, und gleichzeitig zu wissen, wie unerreichbar du für mich warst, hat mich innerlich zerrissen. Ich muss dir etwas beichten. Ich hätte uns damals beinahe aufgegeben. Zu groß war die unerfüllte Sehnsucht, die weitaus schlimmer schmerzte als meine Knie von den zahlreichen Stunden in meinen Verstecken. Auch wenn es wahre Liebe ist, was bringt sie uns, wenn ich keinen Platz in deinem Leben einnehmen darf?

Eines Tages, als ich nach der Arbeit bei dir vorbeischaute, waren die Gedanken besonders schlimm. Ich kauerte in dem Gebüsch hinter den Mülltonnen, wusste nicht einmal, ob du zu Hause warst und die heiße, vom Gestank des Mülls durchdrungene Luft machte mir das Atmen schwer. Ich muss damit aufhören, habe ich gedacht.

Aber du hast meine Zweifel gespürt, nicht wahr? Denn auf einmal, als ich mich gerade aufrichten wollte, um zu gehen, vielleicht niemals wiederzukommen, standest du direkt vor mir. Ich hätte dir ohne Probleme über den nackten Knöchel streichen können, so nah warst du mir. Auf einmal tauchte ich aus dem tiefschwarzen See auf, unter dessen Oberfläche ich in den letzten Tagen gefangen gewesen war. Ich rang nach Luft. Und du hieltst inne. Du hast mein Keuchen gehört, hast dich furchtsam umgesehen, voll Panik, jemand könnte unser heimliches Treffen beobachtet haben. Doch deine Sorgen waren unbegründet. Die Beklemmung zeichnete dir feine Falten auf die Stirn. Deine Augen weiteten sich, ohne etwas Verdächtiges zu erblicken. Du warst so wunderschön. Und ich, zusammengekauert im Dreck, war bereits so sehr zum Raubtier geworden, dass ich deine Angst geradezu riechen konnte, betörend und anziehend wie ein Aufruf zur Paarung. Dein Herz setzte aus, meines schlug für uns beide. Mein Atem hatte dich erstarren lassen, doch bei dem fesselnden Anblick deiner Furcht blieb mir die Luft weg.

Das war der Tag, an dem du mir deinen Namen verraten hast, erinnerst du dich? Nachdem du dich einige Sekunden misstrauisch umgesehen hast, hast du den Mülleimer direkt vor mir geöffnet und den Sack hineingeworfen, in dem du den Brief versteckt hattest. Den Brief, auf dem ich schließlich zum ersten Mal deinen Namen lesen durfte. Fina.

 

Von da an wurde meine Sehnsucht größer. Immer öfter, immer länger habe ich mich hinter die Büsche vor deiner Wohnung gekauert, mich wie ein normaler Passant auf die Bank einige Häuser weiter gesetzt oder bin in endlosen Runden um deinen Block spaziert. Mein einziger Trost waren die Nachrichten, die du mir von da an regelmäßig geschickt hast.

Denn mit deinem Namen war es natürlich ein Leichtes, deine Social Media Profile ausfindig zu machen. Ein besonders intensiver Blick in die Kamera, Anspielungen auf unser Kennenlernen in dem kleinen Café oder Hinweise, wo ich dich als nächsten treffen könnte. Ich habe jede einzelne deiner Botschaften verstanden.

Doch am meisten genossen habe ich deine persönlichen Nachrichten. Wenn du mir etwas von dir gegeben hast, um meine Einsamkeit zu durchbrechen. Ich habe deine Großzügigkeit lieben gelernt, als ich das erste Mal einen Tampon fand. Genau wie dein Name im Müll platziert, weil du wusstest, dass ich ihn dort finden würde. Rot wie unsere Liebe. Ich habe ihn behalten, weißt du? Ich trage ihn immer bei mir, denn er erlaubt mir, dir nah zu sein. Du hast mir dein Blut geschenkt. Du hast mir deine Weiblichkeit anvertraut.

Immer öfter hast du innegehalten, wenn ich dich auf deinen Wegen begleitet habe. Dein stummer Beobachter. Der süßliche Geruch von Schweiß, verführerisch und ein Schlag ins Gesicht zugleich. Du musst keine Angst haben, dass unsere Liebe auffliegt. Ich bin nie unvorsichtig geworden. Nicht einmal eine Sekunde lang. Niemand hat mich gesehen. Niemand weiß, dass du einen Schatten hast.

Selbst als du mich endlich eingeladen hast, sehnsüchtig, verzweifelt, war ich vorsichtig. Es fiel mir sofort auf, als du anfingst, die Haustür immer weiter aufzustoßen, wenn du gingst. Du hast mir Zeit verschafft. Zeit, hinter deinem Rücken ins Innere zu schlüpfen.

Deine Wohnungstür war abgeschlossen. Als ich das bemerkt habe, dachte ich, du würdest mit meinen Gefühlen spielen. Warum solltest du mir die Haustür öffnen, aber mir den Zutritt zu deiner Wohnung verweigern? Warst du dir damals noch nicht sicher, ob du mich in deiner Wohnung haben willst? Es hat mich wütend gemacht, dass du dich betrunken von einem Fremden ficken lässt, aber wenn es um mich geht, wirst du auf einmal prüde. Das ist unfair, Fina.

Aber ich habe nicht aufgegeben. Ich habe deine Spielchen mitgespielt. Ich habe es wieder und wieder versucht.

Bis zu dem Tag, an dem du so schnell aus der Tür herausgestürmt bist, dass ich es beinahe verpasst hätte. Du warst spät dran. Das war schlau von dir. Ein Beobachter hätte geglaubt, du hättest verschlafen, müsstest dich beeilen, um noch rechtzeitig zur Arbeit zu kommen. Doch ich nicht.

Es war unser Jahrestag. Du hast ihn nicht vergessen. Und deshalb wusste ich bereits, dass du die Wohnungstür nur zugezogen, nicht abgeschlossen hast, bevor ich die Karte zwischen Tür und Rahmen schob. Dein Geschenk an mich. Deine Belohnung für meine Beharrlichkeit. Und da war sogar noch mehr. Du hast mir deinen Zweitschlüssel dagelassen. Haus- und Wohnungsschlüssel, verbunden mit einem winzigen Metallring. Natürlich konnte ich sie nicht behalten. Aber es war ein leichtes, sie nachmachen zu lassen und zurückzulegen, bevor ihr Fehlen auffiel.

Und von diesem Tag an war ich in deiner Wohnung willkommen. Ich habe etwas gebraucht, um mich an diese neue Nähe zu gewöhnen. Zu Beginn kam ich immer nur, während du fort warst. Ich habe an deiner Kleidung gerochen, die Bilder deiner Familie und Freunde studiert, die du für mich an den Kühlschrank gehängt hast. Aber mit der Zeit wurde ich mutiger. Ich kam, kurz bevor du von der Arbeit nach Hause kamst und bin erst wieder gegangen, nachdem du dich morgens auf den Weg gemacht hast. Zwei geheime Liebende. Du in deinem Bett, ich darunter. Aber ich war glücklich. Du hast mich belohnt. Wenn du dich angefasst und dabei an mich gedacht hast. Wenn du mich in meinen Träumen besucht hast.

Wenn ich dich ansehen durfte. Ganz aus der Nähe. Denn wenn du schliefst, habe ich mich manchmal hervorgetraut. Du bist so friedlich, wenn du schläfst. So zerbrechlich.

 

Sie kommen in der Nacht. Die Zweifel. Soll so unser Leben aussehen? Ein ewiges Versteckspiel, bis wir alt und grau sind? Wenn wir im Leben nicht zusammen sein können, ist dann der Tod nicht besser? Ich weiß, was du denkst, Fina. Ich kann die kleine Falte auf deiner Stirn schon sehen, die sich immer bildet, wenn du dir Sorgen machst. Du hast Angst. Dabei ist der Tod nichts, wovor man sich fürchten muss. Das Sterben, ja. Wird es weh tun? Wie lange wird es dauern? Wirst du leiden? Aber ich leide jeden Tag, Fina. Mir schmerzt der Rücken von den Stunden unter deinem Bett. Ich ertrage das ewige Gleichgewicht aus Nähe und Distanz jetzt bereits seit beinahe zwei Jahren. Zwei Jahre, in denen ich jeden Tag ein bisschen sterbe.

Du bist mir das schuldig, Fina. Ich habe dir lange genug die Kontrolle überlassen, habe deine Spielchen mitgespielt. Du hast entschieden, wann ich mir deinen Wohnungsschlüssel beschaffen durfte. Du hast entschieden, wann du lieber mit deinen Freundinnen feiern gehen wolltest, statt das Wochenende mit mir zu verbringen. Du hast sogar in manchen Nächten entschieden, überhaupt nicht nach Hause zu kommen. Du hast dich dazu entschieden, mich in diesen Nächten zu demütigen, indem du mich unter deinem Bett liegend warten liest. Verspottet hast du mich, indem du dich von Fremden gebrauchen liest. Jetzt entscheide ich.

Als ich gestern wie immer in deine Wohnung kam, mich unter dein Bett legte, bevor du nach Hause kamst, stand die Entscheidung bereits fest. Umso mehr habe ich es genossen, Teil deines letzten Tages sein zu dürfen. Ich habe dir zugehört, wie du dir Essen gekocht und in der Dusche vor dich hin gesummt hast. Ich habe das Geräusch der quietschenden Federn genossen, als du endlich ins Bett gekommen bist. Und in der Nacht, nachdem ich wie immer deinem gleichmäßigen Atem gelauscht habe, bin ich aufgestanden. Nur ein einziges Mal habe ich mich zu dir gelegt. Ich weiß, dass du das nicht gutheißen würdest. Mein Herz hat wie wild geschlagen, aus Angst, du könntest aufwachen. Aber ich weiß, dass du mir verzeihen wirst, wenn wir endlich die Ewigkeit miteinander verbringen können.

Du bist nicht aufgewacht. Nicht einmal, als ich dir sanft über das seidenglatte Haar gestrichen habe. Ich musste dich wenigstens einmal berühren, bevor ich dich töte.

 

Jetzt sitze ich in deiner Küche. Vor mir steht noch deine Kaffeetasse vom letzten heute Morgen. Ich habe den Lippenstift abgeleckt, so wie ich es immer tue. Es ist wie ein Kuss.

Morgen, wenn du aufstehst, und in die Küche kommst, wirst du wieder diese Sorgenfalte zwischen den Augen haben, wenn du meinen Brief siehst. Natürlich wirst du ihn trotzdem lesen. Ich frage mich, ob ich es schaffen werde, dich ihn ganz lesen zu lassen, bevor ich mich von hinten an dich heranschleiche. Oder wird mich die Vorfreude auf unser gemeinsames Leben nach dem Tod übermannen? Vielleicht wirst du diese letzten Zeilen nie lesen. Aber keine Sorge, Fina. Ich werde dir erzählen, was ich geschrieben habe, wenn wir endlich zusammen sein können.

 

In Liebe, dein Schatten