Leuchtturm

von Marlene Emmert

veröffentlicht am 25.05.2025

Ich schlage die Augen auf. Für einen kurzen, wundervollen Moment ist alles still, bevor auch meine Ohren aus dem Schlaf erwachen. Dann empfängt mich das Brüllen. Ich setze mich auf, reibe mir die müden, vom Salz verkrusteten Augen. Die Decke rutscht mir von den Schultern. Es spielt keine Rolle. Der dünne Stoff vermag es ebenso wenig, die eisige Seeluft aufzuhalten, wie die ächzenden Wände des Turms. Der Regen peitscht endlose Wassermassen gegen die klirrenden Fenster. Nicht einmal das Meer kann ich durch den fließenden Schleier erkennen. Trotzdem sehe ich es vor mir. Die meterhohen Wellen, die sich in gigantischen Sprüngen wieder und wieder gegen die Klippen der kleinen Insel werfen.

Sie werden heute nicht kommen.

Ich weiß es mit der gleichen Sicherheit, mit der ich meinen eigenen Namen kenne. Obwohl ich nach all der Zeit im Turm scheinbar mehr vergessen habe, als ich noch weiß. Ich weiß nicht mehr, welche Farbe die Haare meiner Frau haben, was ich meiner Tochter zu ihrem letzten Geburtstag geschenkt habe oder wie lange ich schon hier bin. Braun, blond, rot? Eine Puppe, Bauklötze, einen Malkasten? Tage, Wochen? Monate? Seltsam, je länger ich mit meinen Erinnerungen alleine bin, desto mehr schienen sie mich im Stich zu lassen.

Mein Magen rebelliert. Ich kann es über das animalische Knurren des Unwetters hinweg nicht hören, aber ich spüre es. Unsere Vorräte sind seit Tagen aufgebraucht. Oder sind es bereits Wochen?

Ich hebe den Kopf, betrachte den düsteren, trostlosen Raum. Eriksson steht in der Tür und sieht mich schweigend an. Ausdruckslos. Von ihm ist nichts mehr übrig. Von keinem von uns.

„Das Meer hat Dias heute Nacht genommen“, sagt Eriksson. Ich nicke. Ausdruckslos. Auch ich kann es rufen hören. Noch übertönt das Tosen des Sturmes sein Locken, doch es wird lauter. Mit jedem Tag. Vielleicht sind es auch die Sirenen aus den alten Seemannsgeschichten. Spielt es eine Rolle?

Ich stehe auf und beginne meinen Dienst, während Eriksson sich schlafen legt. Sicher träumt er vom Sturm. Es ist unmöglich, ihm zu entkommen. Nicht einmal der Schlaf erlaubt uns, dieser Insel auch nur für ein paar erholsame Stunden zu entfliehen. Mit jeder Stufe der Wendeltreppe schaffe ich mehr Distanz zwischen mir und den wutschäumenden Wellen. Was haben wir nur getan, um die Götter so zu verärgern? Hoch oben, auf der Spitze des Turmes, prasselt das aufgepeitschte Wasser noch heftiger gegen die dünne Verglasung. Ohrenbetäubend laut schleudert es mir seine Wut entgegen. Und doch erfahre ich hier eine gewisse Erleichterung. Es ist die Verlockung der Wellen, die wie eine Last von meinen Schultern fällt. Doch bin ich ihr wirklich entkommen oder habe ich ihr nur nachgegeben? Von hier aus kann ich die tosenden Fluten beobachten. Sie umschließen die Insel, wie ein rasendes Inferno aus Nass, reißt gierig alles in seine bodenlosen Tiefen, was sie zu fassen bekommen. In wiederkehrenden, brachialen Angriffen versucht sie unermüdlich, die Felsinsel auseinanderzubrechen und zu versenken, als wäre sie nur ein winziges Fischerboot.

Der Zugang zu der äußeren Plattform steht offen. Hastig schließe ich die Tür, bevor eine besonders aggressive Bö das Letzte erlöschen lässt, was uns noch bleibt. Auf dem Boden stehen Dias' Stiefel. Er hat sie ausgezogen, bevor er gegangen ist. Fein säuberlich, als würden sie auf seine Rückkehr warten. Direkt neben der Tür, die nach draußen in die erbarmungslose Vereinigung aus Himmel und Hölle führt.

Die Petroleumlampe brennt noch. Mit absurder Standhaftigkeit trotzt die winzige Flamme den Gewalten, die uns umgeben. Ebenso wie die Linse, die auf ihrem glitzernden Quecksilberbett unbeirrbar um die eigene Achse tanzt. Doch kaum verlässt der Lichtkegel den sicheren Turm, trifft er auf den hungrigen Schlund der Wolken, der ihn mühelos verschluckt. Wenigstens brüllt das Nebelhorn weiter in unerschütterlichen Intervallen seinen dröhnenden Schrei in das erbost tobende Unwetter. Alle paar Sekunden stürzt sich ein neuer Ton aus dem riesigen Trichter am Fuß des Turms hinaus in den Kampf. Doch wie weit sie es schaffen, bis sie sich in dem dämonischen Grollen des Gewitters verlieren, weiß ich nicht. Vielleicht schafft es wenigstens ein blasser Schimmer des Lichtes oder ein schwaches Überbleibsel des Signalhorns, sich weit genug durch die tobende Schlacht zu kämpfen, um näher kommende Schiffe zu warnen. Ich hoffe es, obwohl kein Kapitän, der noch bei klarem Verstand ist, bei diesem Wetter in See stechen wird.

Sie werden heute nicht kommen.

Suchend kneife ich die Augen zusammen, versuche, in dem apokalyptischen Tosen etwas zu erkennen. Ein winziges Licht, die fernen Umrisse eines aus den Wolken auftauchenden Mastes oder eine Rauchfahne, die sich hell vor der tintenschwarzen Wand um mich herum abhebt. Doch da ist nichts. Nur das Singen der Wellen. Undeutlich und überschattet von dunklem Grollen. Und doch erkenne ich jetzt meinen Namen in ihrem Rufen wieder. Es klingt furchterregend und betörend zugleich. Wenigstens werde ich meinen eigenen Namen nicht vergessen.

Vielleicht ist das wirklich das Ende. Möglicherweise haben die Wassermassen das Festland längst in Stücke gerissen und jeden, der sich darauf befand, ins nasse Verderben gestürzt. Wahrscheinlich sind Eriksson und ich die Letzten, die diesem Höllensturm noch trotzen. Ich versuche, in mich hineinzufühlen. Lasse mein Bewusstsein hinaus in den aufgebrachten Himmel steigen, Richtung Festland, auf der Suche nach meiner Familie. Geht es ihnen gut? Doch ich kann sie nicht spüren. Die dichten Wolken verschlucken meinen Geist ebenso mühelos wie den Lichtkegel und das Nebelhorn des Leuchtturms.

Trotzdem erfülle ich meine Pflicht. Es scheint der letzte Sinn zu sein, den ich im Leben noch habe. Dieses einsame, müde Licht, das sich belanglos im Auge des Sturms um sich selbst dreht. Nur dafür bin ich hier. Es gibt zwischen den aufgepeitschten Wellen kein einziges Schiff, das sich von dem hypnotisch rotierenden Leuchten abstoßen lässt, wie von einem Magnet. Doch vielleicht vermag es dann wenigstens, mich auf dieser Insel zu halten, wie eine Motte, die sich nicht von einer Zimmerlampe trennen kann. Wahrscheinlich kommt daher die stumme Übereinkunft mit meinen Kollegen, die Lampe nicht mehr alleine zu lassen.

Ich fülle das Petroleum auf, dessen Vorrat scheinbar nie zuneige gehen wird. Und ich verstehe, warum. Der Brennstoff erscheint mir wichtiger als Essen und Trinken. Wieder knurrt mein Magen. Das Geräusch verschmilzt restlos mit dem bestialischen Grollen, das mich umgibt.

Ich warte die Anlage, überprüfe die Intervalle des Nebelhorns und gehe meinen übrigen Pflichten nach. Wie jeden Tag. Wie lange schon? Tage, Wochen? Nur eines ist heute anders. Ich bleibe nicht die üblichen acht Stunden auf dem schwankenden Turm, sondern zwölf. Wir sind nur noch zu zweit, seit Dias weg ist. Also müssen wir unsere Schichten neu einteilen. Eriksson ist das ebenso klar wie mir, denn er kommt nicht nach oben, um nach mir zu sehen.

Die schwarzen, von Blitzen durchzuckten Wolken verschlucken jedes Sonnenlicht. Ob Tag oder Nacht, es spielt keine Rolle mehr. Deshalb muss ich auf die Uhr achtgeben, die in dem Lärm lautlos vor sich hin tickt. Regelmäßig, als sei ich selbst ein Uhrwerk, ziehe ich sie immer wieder neu auf. Ohne sie würde die Zeit die Insel endgültig verlassen und an ihre Stelle zweifellos der Wahnsinn treten. Nur die Uhr weiß, wann meine Schicht vorüber ist. Die Stunden sind nicht schnell und nicht langsam vergangen. Als ich die Wendeltreppe hinuntersteige, verspüre ich weder Freude noch Bedauern.

Eriksson sitzt auf seinem Bett. Die Decke hängt ihm von den Schultern. Er starrt auf das Fenster, obwohl er durch die Wassermassen nicht nach draußen sehen kann. Als er mich in der Tür stehen sieht, steht er auf. Wortlos nicken wir uns zu. Eriksson beginnt, die lange Wendeltreppe nach oben zu steigen, während ich mich setze. Ob der Schlaf mir wohl in dieser Nacht erlauben wird, die Insel zu verlassen? Vielleicht sehe ich endlich meine Frau wieder. Meine Tochter. Doch ich träume vom Sturm.


Ich schlage die Augen auf. Für einen flüchtigen, herrlichen Moment ist es still. Dann erwachen auch meine Ohren aus dem Schlaf, und mit ihnen das ewige Tosen. Ich setze mich auf. Die Decke rutscht mir von den Schultern. Mit einem durchdringenden Heulen pfeift der Wind durch den kargen Raum. In der Nacht ist eine der klapprigen Fensterscheiben zerbrochen. Der Wind greift mit seinen fahrigen Händen hindurch, peitscht die Vorhänge gegen die Wand und speit salziges Wasser auf den Boden. Stück für Stück macht sich das Unwetter das Innere des Turmes zu eigen. In Gedanken kann ich die Wellen sehen, die wie hungrige Hunde an den Klippen emporspringen, blutdürstig und bereit, mich in Fetzen zu reißen.

Sie werden heute nicht kommen.

Wie lange ist ihr Kommen nun schon überfällig? Tage? Wochen? Monate? Sie hätten uns längst abholen müssen, doch die Wellen stehen ihnen im Weg. Das Meer hat uns als Geiseln genommen. Unser Arbeitsplatz ist zum Gefängnis geworden. Kein Ausweg. Fast keiner.

Ich sehe hinüber zur Tür. Eriksson ist nicht da. Er ist fort, das kann ich spüren.

„Das Meer hat Eriksson heute Nacht genommen“, sage ich zu mir selbst. Ausdruckslos. Ich spüre die endgültige Einsamkeit.

Die salzige Luft verkrustet meine Lippen. Ich habe Durst. Meine Kleidung ist seit Tagen nass und klamm. Und so trete ich meinen Dienst an. Mein leerer Magen protestiert, als ich die lange Wendeltreppe nach oben steige. Ich werde schwächer. Doch ich kann das Knurren nicht hören. Meine Ohren kennen nur noch den Sturm.

Die Tür, durch die man auf die Plattform gelangt, die das Laternenhaus umgibt, steht offen. Wind und Regen fegen unkontrolliert im Inneren umher. Schnell gehe ich hinüber, um die Tür zu schließen. Die Petroleumlampe brennt noch. Unverwüstbar wirbelt das Licht im Kreis umher und verleiht dem Quecksilber ein bezauberndes Schimmern.

Neben der Tür, die ich gerade geschlossen habe, neben Dias' Stiefeln, steht nun ein zweites Paar. Sie gehören Eriksson. Ordentlich aufgereiht hat er sie zurückgelassen, als er gegangen ist.

Das Nebelhorn ist verstummt. Sein riesiger, roter Trichter, durch den das Signal hinaus in die ewigen Weiten des Ozeans geschleudert wurde, ist fort. Aus seiner Verankerung gerissen, von dem erbarmungslosen Griff der Wellen. Längst haben sie die Klippen überwunden und speien ihre brodelnde Gischt über die ebene Fläche am Fuß des Turmes.

Trotzdem erfülle ich meine Pflicht. Darum bin ich hier. Damit sich das Licht weiter dreht. Mein Mund ist trocken. Wir haben versucht, Regenwasser zu sammeln, als uns die Vorräte ausgingen. Doch die See ist längst untrennbar mit dem Himmel verschmolzen. Die Flut von oben ist ebenso salzig wie die Flut von unten.

Ich starre durch die überschwemmten, vibrierenden Glasscheiben nach draußen. Ringsherum zucken grelle Blitze über den sonst pechschwarzen Himmel. Doch keiner von ihnen kommt dem einsamen Leuchtturm zu nahe. Fast so, als wagten sie es nicht, dem Meer seine Beute streitig zu machen.

Ich gehe meinen Pflichten nach, wie jeden Tag. Nur eines ist heute anders. Ich bin nun allein auf der Insel. Ich kann das Licht nicht allein lassen. Also bleibe ich. Wenigstens kann ich von hier oben die fesselnden Fluten sehen. Wild, unbändig und wunderschön ziehen sie die einsame Insel Stück für Stück weiter in ihren hungrigen Schlund. Hin und wieder schaffen es die gierigen Finger einzelner Wellen sogar, nach dem Sockel des Turms zu greifen. Bald werden sie den Schlafraum überschwemmen. Aber ich schere mich nicht mehr um den Schlafraum. Schließlich bin ich hier oben, bei dem Licht.

Mittlerweile dringt es deutlicher an mein Ohr. Das Singen. Hinreißend klar schneidet es eine Schneise durch das ewige Dröhnen des Sturms. Die Wellen rufen mich. Sanft wie fallender Schnee schließt ihr Gesang mich in die Arme. Ich bin nicht mehr allein. Das Meer ist bei mir.

Ich sehe auf die Uhr. Es ist Nacht geworden. Vielleicht kann ich den Mond noch einmal sehen, wenn mich der Wind weit genug hinausträgt.

Ein letztes Mal fülle ich das Petroleum nach, damit die Lampe weiter brennt. Dann öffne ich die klammen Schnürsenkel meiner Stiefel. Als alle drei Paare nebeneinander stehen, scheint das Bild vollendet. Ich öffne die Tür. Sofort streichen tausend kleine Hände über meine Haut, durch mein Haar und meine Kleidung. Sie zerren mich nach draußen, auf die runde Plattform. Dort erfasst mich endlich der Sturm, zieht mich ruckartig in eine feste Umarmung. Endlich bin ich nicht mehr ausdruckslos. Ich spüre Hoffnung. Ich versuche nicht, mich festzuhalten, als ich von den Füßen gerissen werde. Für einen Moment schwebe ich schwerelos in dem schwachen Lichtkegel der Petroleumlampe. Eingefroren in der Zeit, während das Unwetter um mich herum weiter wütet. Dann trägt es mich weit hinaus, als sei ich nicht mehr als ein welkes Blatt im Wind, und übergibt mich schließlich bereitwillig den sich jubelnd aufbäumenden Wellen. Das Meer hat mich geholt.