Ich bin der Berg

von Marlene Emmert

veröffentlicht am 30.03.2025

Ich bin der Berg. Der höchste Punkt der Erde ruht auf meinen Schultern. Allein das Kleid aus grellweißem Schnee, dessen Pracht mich umhüllt, kann jedes Lebewesen in Sekundenbruchteilen unter sich zermalmen. Doch ich trage seine Last erhobenen Hauptes. Nur gelegentlich strecke ich meine steifen Glieder und fege die Massen mit einem dämonischen Donnergrollen in die Tiefe. Dann halten sie inne, sehen sich mit angstvoll geweiteten Augen um, ob meines Jagdrufes. Die Läuse, deren Drang nach Anerkennung sie in zyklisch wiederkehrenden Wellen der Selbstzerstörung an meinen Flanken emporkriechen lässt. Wenn ich mich rege, die tonnenschweren Eisbrocken verschiebe und zu meterhohen Türmen staple oder zwischen ihnen bodenlose Spalten aufreiße, glauben sie endlich zu begreifen, wer ich bin. Doch kaum einer von ihnen wird das jemals wirklich. Und nur Einzelne schaffen es, sich meinen Respekt zu verdienen. Die, die meine Größe wahrhaftig begreifen, meine Willkür bedingungslos akzeptieren und die Gefahr sehenden Auges in Kauf nehmen. Nicht aus Geltungsdrang, sondern aus aufrichtiger, tief sitzender Leidenschaft. Ein Antrieb, den ich respektiere, denn er lebt nicht davon, mich zum Antagonist zu machen. Ich bin der Berg. Ich war bereits Millionen von Jahren vor ihnen hier, und ich werde sie alle überleben. Vielleicht denke ich, wenn ich dem Ende der Welt von meinem Aussichtspunkt entgegenblicke, noch einmal an diesen merkwürdigen, flüchtigen Moment der Erdgeschichte zurück. Vielleicht denke ich an die winzigen Besucher, die auf mir umher wuselten. Vielleicht denke ich an ihre Hoffnung, mit diesem lebensmüden Akt dem ewigen Wissen um die eigene Sterblichkeit entfliehen zu können. Solch zerbrechliche Wesen, die mit ihren Eispickeln, Felshaken und Schneekrallen mein weißes Kleid und meine steinerne Haut durchbohren. Ich kann es nicht einmal spüren. Trotzdem erinnere ich sie stetig an ihre Ohnmacht. Ich nehme ihnen die Luft zum Atmen. Ich nehme ihnen die Kraft. Und dann nehme ich ihnen den Verstand. Eben jenen Verstand, der sie glauben lässt, über die Welt herrschen zu dürfen. Dabei brauche ich nur wenige Minuten, und sie verfallen der Idiotie. Sie vergessen die Zeit, sie vergessen ihre Verletzlichkeit. Denn je flacher ihr Atem wird, desto mehr ihres Selbst löst sich in Luft auf. Doch eines vergessen sie nicht. Ihr Ziel. Das Dach der Erde. Und so kämpfen sie weiter, Schritt um Schritt, bis über die letzte Stufe. Und dann, wenn ihnen endlich die Welt zu Füßen liegt, sprechen sie davon, ihre eigene Nichtigkeit im Angesicht des Großen Ganzen erkennen zu können. Sie sprechen von Demut. Doch sie lügen. Im gleichen Atemzug behaupten sie, mich bezwungen zu haben. Hochmut kommt vor dem Fall. Und man fällt tief, so nah am Himmel. Denn dabei lassen sie eines außer Acht. Ich bin der Berg. Sie können verlieren oder nicht verlieren. Gegen mich gewinnen können sie nicht. Und es ist immer der selbe Fehler, der ihnen zum Verhängnis wird. Sie haben das falsche Ziel. Ich rufe den Tod nicht zurück, sobald sie meinen höchsten Punk erreicht haben. Er lauert überall. Beim Aufstieg, auf dem Gipfel, beim Abstieg. Gewitterwolken, so hoch wie Riesen, und neben mir dennoch klein, die sich hinter meinem Rücken verstecken, um dann plötzlich und durchzuckt von hellen Blitzen ein frostiges Inferno zu entfesseln. Wandernde Schneedünen, die eine Orientierung unmöglich machen. Unaufhaltsam voran kriechender Nebel, durch den die schwachen Kegel ihrer Stirnlampen so verloren umher hüpfen wie Irrlichter. Wenngleich sie die letzten Schritte ins eigene Verderben allein tun; verhängnisvolle Selbstüberschätzung, verantwortungslose Entscheidungen, verausgabte Muskeln. Vergebliche Mühen, verheerende Folgen, verlorener Kampf. Und auf einmal wird die letzte Stufe wieder zur ersten. Ich lähme ihre Glieder im Angesicht der einbrechenden Dunkelheit. Und ich sehe zu, wie jeder Tritt langsamer und ungeschickter wird. Ihre Sohlen kann ich nicht spüren, doch spüre ich ihre Verzweiflung, wenn sie die eigenen Fehler erkennen. Wenn sie plötzlich ihre Sterblichkeit wieder wahrnehmen, deutlicher als je zuvor. Und in eben jenem Moment nehme ich ihnen das, was sie ausmacht. Die Menschlichkeit. Denn wer sich mit mir anlegt, kämpft allein. Und wer mir erliegt, stirbt allein. Die Schritte ihrer Kameraden wiegen schwerer als Blei, wenn sie über die schwächsten Glieder hinwegsteigen. Und erst dann, wenn sie erschöpft und steif gefroren zusammenbrechen, zeige ich meine Güte und nehme ihnen, neben allem, was bereits mir gehört, die Kälte. Endlich erstirbt ihr Zittern, entspannen sich die müden Glieder. Nur eines vermag ich ihnen nicht zu nehmen. Die Angst vor dem Tod. Einsam und hilflos in dieser lebensfeindlichen Eiswüste zurückgelassen, beginnt ihr Wehklagen. Leise flüsternd, denn ihre Lippen sind steif und ihre Lungen leer. Sie flehen zu Göttern, zum Universum oder zu mir. Doch sie werden keine Hilfe bekommen. Sie wollten, was ich geben kann, also nehme ich, was ich will. Bis schließlich der letzte Atemzug in Form von weißem Nebel durch ihre aufgeplatzten Lippen entweicht. So nah am Himmel können ihre Seelen die Freiheit spüren. Allzu schnell fliehen sie aus ihrer irdischen Zelle aus Fleisch und Blut. Und was ihre Seelen zurücklassen, gehört jetzt mir. In ihre dicken, bunten Jacken gehüllt sind sie nur ein weiterer Farbklecks, der mein weißes Kleid schmückt. Sie sind ebenso Teil von mir, wie die Felswände und Gletscherspalten, die Kalksteinhöhlen und Eistürme. Festgefroren sitzen und liegen sie am Ort ihres Todes, wie eine Landmarke, die allen zukünftigen Kämpfern zeigen soll, wie weit sie gekommen sind. Eine Eisschicht überzieht die Augen, die um jeden Preis vom Dach der Welt hinunterblicken wollten. In ihren wehenden Haaren funkelt der Schnee. Eisiger Schmuck aus Kristall überzieht die erstarrten Körper. Mahnmale für die Kommenden. Unantastbar, denn jeder erkennt die Erhabenheit, die ich ihnen schenke. Wer sie sieht, kennt ihre Namen nicht. Doch kennen sie meinen Namen. Ich bin der Berg.