Goldene Flut
von Marlene Emmert
veröffentlicht am 28.09.2025
Das goldene Meer schaukelt im Wind. Wie von einem Spiegel wird das Licht der Herbstsonne reflektiert und brennt sich in meine Augen. Dennoch wende ich den Blick nicht ab. Die stetigen Wogen der sich im Einklang neigenden Gerstenhalme haben etwas Hypnotisches. Sie brechen sich zu Füßen einer einsamen Gestalt in der Mitte des Feldes, die Arme ausgebreitet, in reglosem Kampf gegen diebische Vögel.
In meiner Brust breitet sich eine angenehme Melancholie aus. Der Sommer ist vorüber. Daran lässt die goldene Flut, umgeben von den ersten bunten Baumkronen, keinen Zweifel. Doch auch, wenn mich der Gedanke an heiße Schokolade, prasselnden Regen am Fenster und romantisch-gruselige Kürbisköpfe mit wohliger Gemütlichkeit erfüllt, so werde ich die seelenwärmende Sonne und die Abwesenheit von dicken Winterjacken vermissen. Noch löst die kühle Luft, die sich zunächst in die Gerstenfelder stürzt und danach über meine Haut streicht, nur ein leichtes Frösteln aus. Schon bald wird er mich in dicke Wintermäntel zwängen, meine Muskeln verspannen und jeden Schritt nach draußen zur Überwindung machen. Ganz zu schweigen von der Dunkelheit. Ich dränge den Gedanken beiseite. Die lange Nacht wird kommen und ich werde versuchen müssen, sie bis zum Frühlingsbeginn von meiner Seele fernzuhalten. Bis es so weit ist, sollte ich die letzten Sonnentage in vollen Zügen auskosten.
Ein plötzliches, lautes Rascheln reißt mich aus meinen Gedanken. Bewegung durchläuft das Gerstenfeld. Nicht länger koordiniert und hypnotisch. Sondern abgehackt, panisch.
„Luna!“ Mein Schrei kommt zu spät. Die schwarz-weiß gescheckte Hündin, die eben noch milde interessiert zu meinen Füßen schnupperte, stürzt sich ins Meer. Ich fluche, über meine verspätete Reaktion oder Lunas Ungehorsam. Ich weiß es selbst nicht. Die reifen Ähren stehen so hoch, dass sie meinen Hund vollkommen verschlucken. Nur eine wild knackende Schneise verrät, wo sie ist. Dicht auf den Fersen einer zweiten, die in einem Versuch sie abzuhängen hektische Haken schlägt.
Ein weiteres Mal trägt der Wind meine Stimme durch die milde Herbstluft. Dabei weiß ich, dass es sinnlos ist. Luna ist gut erzogen und hört für gewöhnlich auf mein Wort, doch einer solchen Versuchung kann selbst sie nicht widerstehen. Hilflos trete ich von einem Fuß auf den anderen und sehe vom Rand aus zu, wie sich die beiden Bahnen durch das Feld graben. Dann ein schrilles Jaulen. Die zweite Spur endet abrupt. Die vordere nähert sich dem Rand des Feldes, bis schließlich ein gehetztes Kaninchen aus den gelben Halmen hervorbricht und über den Feldweg in die schützende Böschung auf der anderen Seite springt. Ich sehe es nur aus dem Augenwinkel. Mein schreckgeweiteter Blick ist auf die Stelle gerichtet, wo Luna so plötzlich erstarrt ist. Nur noch einzelne Ähren räkeln sich im Wind.
„Luna! Hier!“ Meine Stimme überschlägt sich, beinahe flehend. Einige Sekunden lang legt sich Stille auf meine Ohren wie ein schweres Tuch. Dann ertönt ein Fiepsen.
Ohne zu zögern, stolpere ich los. Der Bauer, dem dieses Feld gehört, würde mir ohne Zweifel eine ordentliche Standpauke halten, wenn er mich so rücksichtslos durch seine wertvolle Ernte preschen sähe. Feine Härchen piksen meine Haut, verhaken sich in meiner Kleidung, als wollten sie mich aufhalten. Keine Chance. Immer noch starre ich stur auf den Fleck, wo Luna liegen muss. Vor meinem inneren Auge sehe ich Bilder von gebrochenen Beinchen und blutigen Kopfwunden, während ich ein sinnloses Mantra beruhigender Worte murmle.
Nur noch wenige Schritte trennen mich von meiner Begleiterin, als sie verstummt. Stattdessen hämmert mein Herz laut wie Trommelschläge.
Ich überwinde den letzten Meter und stehe endlich dort, wo Luna liegen müsste. Eine Kuhle aus abgeknickten Halmen zeigt die Stelle an. Sie ist nicht hier.
Wieder hallt ihr Name über das Feld. Angestrengt versuche ich, etwas zu hören. Ein Winseln, ein Scharren, irgendetwas. Doch das einzige Geräusch ist das Knirschen meiner eigenen Füße, während ich unruhig mein Gewicht verlagere. Wieder senke ich den Blick in der Hoffnung, auf dem Boden einen Hinweis zu entdecken. Als das wirklich geschieht, stockt mir der Atem. Blut. Nicht viel für einen Menschen. Viel zu viel für eine kleine Hundedame.
Tränen verschleiern mir die Sicht, als ich mich auf der Stelle drehe und den Blick über das goldene Feld huschen lasse.
Etwas stimmt nicht. Angst lähmt meine Gedanken. Reglos stehe ich, eine einsame Gestalt, inmitten der reifen Ähren. Die reglose Vogelscheuche im Zentrum des Meeres ist verschwunden.
Einen Moment lang starre ich ins Leere, während mein Verstand versucht, sich zu entscheiden, ob diese neue Information wichtig ist. Dann lässt mich ein Knacken herumwirbeln.
„Luna?“ Diesmal kein Schrei, mehr ein Flüstern. Kein Wind geht mehr. Sekunden vergehen, in denen nur mein rasender Herzschlag zeigt, dass die Zeit nicht stehengeblieben ist.
Dann knicken Halme. Etwas Unsichtbares bewegt sich auf mich zu. Schnell, stetig, wie ein Fisch im Wasser. Wie angewurzelt bleibe ich stehen und starre auf die näherkommende Schneise. Fragend öffnen sich meine Lippen, doch noch bevor ich den Namen meines Hundes erneut aussprechen kann, schnellt etwas aus der goldenen Flut hervor, nur wenige Meter von mir entfernt. Nicht Luna.
Ein gesichtsloser Leinensack unter einem hellen Hut. Eine unförmige Latzhose, ein sonnengebleichtes Flanellhemd, die Ärmel bedrohlich in meine Richtung gereckt. Keine Hände, nur struppige Halme.
Ich renne, mein Puls trommelt den Takt. Ähren brechen, mein Brustkorb hebt und senkt sich keuchend. Das Wesen ist genau hinter mir. Seine Bewegungen schnell wie in Zeitraffer. Ich muss mich nicht zu ihm umsehen, um zu wissen, dass es näherkommt. Sind es noch die Gerstenhalme, die meine Haut streifen, oder bereits strohene Finger?
Dann ist es vorbei.
Das Wesen ist fort. Ich spüre es, noch bevor ich bemerke, dass meine eigenen Schritte wieder die einzigen sind. Stolpernd komme ich zum Stehen, schluchze.
Rascheln. Links. Rechts. Erst vor, dann hinter mir. Wie von selbst setze ich mich wieder in Bewegung, den Blick verbissen auf den rettenden Feldweg vor mir gerichtet. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie sich der Vogelschreck wieder aus dem Feld erhebt. Gesichtslos und unverkennbar mordlüstern. Wieder entweicht mir ein Schrei der Verzweiflung, als ich von meinem zielstrebigen Weg abweichen muss, um dem Griff auszuweichen. Ich renne weiter, nehme nur verschwommen wahr, wie mein Verfolger wieder im Gold versinkt, und ignoriere das Knacken, das überall zugleich zu sein scheint und einen erneuten Angriff ankündigt.
Der Weg. Er ist das einzige, woran ich denken darf. Ob er meine Rettung sein wird, ob das Wesen an dieses Feld gebunden ist, weiß ich nicht. Doch Zweifel dürfen meinen Fokus nicht brechen, meine Flucht nicht verlangsamen und meine letzte Hoffnung nicht zugrunde richten.
Ein lautes Bellen lässt mich beinahe innehalten. Es kommt nicht aus dem Feld hinter mir, sondern von vorne. Luna, blutverschmiert, am Leben, springt am Rand des Feldes auf und ab. Sie traut sich nicht zurück in den Albtraum, aber feuert mich mit lautem Heulen an. Ich folge ihrem Ruf. Schneller, immer schneller. Auf den Feldweg zu. Auf meinen Hund zu. Auf den ausgestopften Leinensack zu, der direkt vor mir auftaucht. Mein Fuß versinkt in einem Erdloch. Ich stoppe, strauchele, stürze ins Gold.
Ein lautes Knacken, Schmerz strahlt von meinem Knöchel aus. Abgebrochene Halme bohren sich in meine Haut, der Erdboden drückt sich gegen meine Schulter. Der Aufprall presst die Luft aus der Lunge. Ich zögere nicht, rolle mich zur Seite und entkomme so den Armen, die nach mir greifen. Die Gestalt über mir verdunkelt die Sonne, taucht uns beide in Schatten. Trotzdem kann ich jetzt aus der Nähe sehen, was mir zuvor entgangen ist. Ein breit klaffender Riss in dem leinenen Gesicht, gespickt mit langen, durcheinander ragenden Halmen. Etwas sagt mir, dass sie spitz und unnachgiebig wie die Reißzähne eines Raubtieres sind. Ein rotes Rinnsal hat die ausgefransten Leinen verfärbt. Das Blut meines Hundes. Es ist dieser rot verfärbte Stoff, dieses durchdringende Flehen, das mich weiter antreibt. Es ist noch nicht vorbei. Meine Rettung ist nur noch wenige Meter entfernt. Ich hebe die Beine, stemme sie mit aller Kraft gegen den Körper, der auf mich zu schnellt. Mein rechter Fuß zerspringt in glühendem Schmerz, aber ich gebe nicht nach. Das Wesen streckt unbeeindruckt die Arme nach mir aus. Stroh zerkratzt die Haut in meinem Gesicht. Mit einem verzweifelten Schrei ramme ich dem Wesen meinen linken Stiefel dorthin, wo sein Gesicht hätte sein sollen, und schaffe es, es mit einem weiteren harten Tritt zurückzuschleudern.
Ich warte nicht ab, drehe mich um, stolpere weiter. Meine Verletzung lässt nicht zu, dass ich mich aufrichte. Immer noch auf allen Vieren haste ich voran, blind in der goldenen Flut. Nur Lunas lautstarke Rufe weisen mir den Weg.
Kaum bin ich losgekrochen, höre ich auch schon das Knacken hinter mir, das mir verrät, dass mein Verfolger längst nicht besiegt ist. Immer wieder glaube ich, die Finger zu spüren.
Dann bricht das Gold auf.
Freiheit empfängt mich, als ich den Kopf, dann den Körper und schließlich meinen geschundenen Fuß aus dem Gerstenfeld ziehe. Ein Ertrinkender, der sich auf ein Floß rettet. Luna springt aufgeregt um mich herum. An ihrer Seite klafft eine stark blutende Wunde, in der immer noch vereinzelte Strohhalme kleben. Ich schließe sie in die Arme und wende mich mit angehaltenem Atem wieder dem Feld zu. Ich werde es nicht schaffen, mit meinem gebrochenen Knöchel zu entkommen, wenn das Wesen seine Verfolgung fortsetzt. Zwischen den knackenden Ähren funkelt mich das augenlose Gesicht an. Einige Sekunden lang fixieren wir einander, mein Herz immer noch ein stetiges Wummern in meiner Brust. Dann verschwindet die Gestalt. Wie ein Hai, der sich in die dunklen Tiefen der See zurückzieht.
Ich lausche dem Wimmern, das Luna und ich gleichermaßen von uns geben. Jede Sekunde rechne ich damit, dass das Wesen wieder aus dem wogenden Feld aufsteigen und auf uns zuschnellen wird. Nichts geschieht.
Schließlich versenke ich schluchzend das Gesicht in Lunas Flanke, tränke ihr Fell mit meinen Tränen. Erst ein erneutes Jaulen erinnert mich an ihre Verletzung.
Wir müssen hier weg, unsere Wunden versorgen lassen. Langsam richte ich mich auf, humple ein paar Schritte. Luna weicht mir nicht von der Seite. Während wir uns auf den Rückweg machen, werfe ich einen letzten Blick zurück auf das goldene Meer. Der Wind schickt hypnotische Wellen über die Oberfläche, nur unterbrochen von einer einsamen Gestalt, die reglos und mir ausgebreiteten Armen in der Mitte wacht.