Ein Weihnachtsmärchen
von Marlene Emmert
veröffentlicht am 28.12.2025
Es war einmal, in einer Zeit, die weiterzog, als hätte sie jenen Abend vergessen, an dem der Tod sie in den Stillstand zwang. Wasser benetzte die Scheiben, die letzten Sonnenstrahlen legten sich gerade hinter den dunklen Baumkuppen zur Nachtruhe nieder. Da stand Grete am Fenster und wünschte sich den Regen zu Schnee.
Die Trauer hatte ihr die Stirn zerfurcht und die Schultern gebeugt, und so wurde sie schnell Freund mit der Trostlosigkeit, denn sie war eine treuere Gefährtin als die Freude. Doch bevor Grete ihre alte Kameradin in die Arme schließen konnte, schickte ihr der Wind ein Lachen auf die Ohren.
Die Kinder kamen in weißen Röcken, um ihr den Weihnachtssegen zu sprechen, wie es im Dorf üblich war.
Gretes Herz wog schwer, als sie zur Haustür eilte, in der Hand Gebäck und Nüsse als Gaben für die kleinen Engel.
„Wir verkünden dir Frieden und bringen Liebe in dein Weihnachtsfest“, sangen die Kinder mit hellen Stimmen. Sie nahmen ihre Gaben an und reichten ihr eine Kerze – schmucklos doch bedeutungsschwer.
„Lass sie brennen, solange du dein Abendmahl genießt, dann werden all deine Liebsten heute mit dir speisen. Doch wenn ihr gesättigt seid, so lässt du sie gehen, damit sie Frieden finden können.“ Weiße Röcke wehten im Wind, als sich die Engel aufmachten, um ihre Botschaft weiterzutragen.
In Einsamkeit blieb Grete zurück, ein Schatten im Licht ihrer Eingangstür.
Auch an diesem Abend wich die Tristesse nicht von ihrer Seite, als sie sich zu Tische setzte. Erst im Sommer hatte sie ihre Tochter zu Grabe getragen und der Weihnachtsabend brachte ihr Erinnerungen, die ihr das Leben aus der Brust stahlen. So schwer von Trauer war sie, dass sie auf den Boden niedersinken wollte und sich nie wieder erheben, klagen bis ihre Tränen die Spuren ihrer Tochter vom Boden spülten. Lieder würde man über sie singen, Geschichten schreiben, über das Heulende Hurenweib, die in der Trauer über ihren verlorenen Bastard ertrank. Sie wäre ein Wunder, ein Mahnmal Gottes für den Gehorsam einer Frau, oder gegen die Grausamkeit dieser Welt. Heilig in ihrem Leid.
Doch Grete hielt fest an einer Hoffnung, die die Engelskerze ihr gebracht hatte. Ein warmer Schein erfüllte den Raum, als das Feuer von einem Hölzchen auf den Docht übersprang. Und so, nur in Gesellschaft eines tanzenden Lichtes, hielt Grete ihr Abendmahl.
Obwohl im selben Laden gekauft, mit den gleichen Zutaten, brachten die Speisen Grete nicht die Freude der letzten Weihnachtsfeste. Die Welt war grauer, dissonanter und fader geworden, seit Alma nicht mehr auf ihr wandelte. Wenn ein Kind die Schwelle zum Jenseits überquert, nimmt es all die Schönheit des Lebens mit sich, um sich bis in alle Ewigkeit an bunten Farben, bezaubernden Klängen und schmackhaften Aromen zu erfreuen. Ein Opfer, das Grete gern erbrachte, um auch im Tod für ihre Tochter da zu sein.
Versunken in Erinnerung und auf der Suche nach der Liebe, die ihr der Weihnachtssegen versprochen hatte, maß Grete ihrem letzten Bissen nicht mehr Bedeutung bei als dem ersten. Eine Unachtsamkeit, die sich die Zeit sogleich zunutze machte. Schneller, immer schneller schritt sie voran und ließ die Minuten zu einem Wimpernschlag verdorren.
So kam es, dass an diesem Abend die Schönheit in die Welt zurückkroch. In warmen, goldenen Wellen schwappte sie durch die Kerzenflamme, vertrieb die Leere und nahm ihren Platz ein. Nur ein Gefühl, dann ein Knistern und Rauschen, als die Kerzenflamme weiterwuchs, gierig das Wachs verschlang, bis ihr das karge Mahl nicht mehr genügte und sie sich über die Tischdecke, den Weihnachtskranz und Gretes leeren Teller hermachte. Wärme wurde zu Hitze, während das Feuer den Esstisch und den Schleier zwischen den Welten gleichermaßen niederbrannte.
Schon bald umgab eine Wolke aus Ruß und Rauch die trauernde Mutter. Doch mit dem Schmerz, den das Feuer ihr in die Lunge schickte, kam auch Ruhe in ihren geschundenen Geist. Mit erschöpften Gliedern verharrte sie auf ihrem Platz und ließ sich verzaubern. Die Flammen labten sich an dem Ort, den sie einmal ihr Zuhause genannt hatte. Ein Wort, welches mit Alma gegangen war.
Doch es erhielt seine Bedeutung zurück, als das Mädchen aus den Flammen stieg und alles wieder mit sich brachte. Eine Krone aus Glut schmückte ihr Haar, das Feuer tanzte in ihren Augen, eingefangen in spiegelnden Tränen.
„Du hättest die Kerze löschen müssten.“ Groll rollte durch Almas Stimme. Ihre Hand wirbelte durch die rauchschwere Luft und die Kerze tat es ihr gleich, zersprang an der Wand hinter Grete in hundert Teile.
Der Name ihrer Tochter kam nur flüsternd über Gretes Lippen, wurde sogleich vom gierigen Schlingen des Feuers übertönt. Von Mutterliebe geleitet breitete sie dennoch die Arme aus, um Alma darin einzuschließen. Zu lange war die letzte Berührung her. Die Mutter, die ihr Kind verloren hatte, und die Tochter, ganz allein auf der anderen Seite.
Es war eine verbotene Berührung, die die Grenzen zwischen den Welten durchbrach. Denn Alma war gerufen worden, um mit ihrer Mutter zu speisen, im Geiste, in Liebe, in Erinnerung, mehr nicht.
So schloss sich Almas Griff um Gretes Arm und ließ ihn in Schmerz aufbersten. Als würden die Fingerspitzen des toten Mädchens sie selbst gebären, brachen kleine Flammen unter ihnen hervor und fraßen sich begierig in die ungeschützte Haut. Ein Schrei ließ die Wintervögel vor dem Haus aufstieben. Mutter und Tochter in einiger Trauer über den Tod und das Leben zugleich.
Gretes Ruf erstarb, als ihre Blicke sich miteinander verwoben. Die Zeit floh aus dem brennenden Haus. Flammen fraßen sich bereits am Dachstuhl satt, da verloren sie ihre Hektik, erklommen die letzten Holzbalken in gemütlicher Gemächlichkeit. Und mit der Hast ging auch der Schmerz, ging auch die Einsamkeit, ging alles, nur die Tränen auf Almas Wangen waren noch wichtig. Endlich schlossen sie sich in die Arme.
Grete ließ zu, dass ihrer beider Haut unter der Berührung in Flammen aufging.
„Ich gehöre nicht mehr in diese Welt. Du hättest die Kerze löschen müssen.“
Während die Welt um sie herum zu Schutt und Asche zerfiel, erhielt endlich das Glück Einzug in diesen Weihnachtsabend. Denn das Feuer hätte dieses Haus bereits an jenem Tag verschlingen sollen, an dem Alma die Schwelle zum letzten Mal überschritten hatte.
Jetzt war alles gut. Die Welt hatte ihr Versäumnis erkannt und brannte nieder, was längst der Vergangenheit angehörte. Alles, was Grete dafür hatte tun müssen, war eine Kerze brennen zu lassen, nicht loszulassen, in der Vergangenheit zu verharren.
Und von nun an lebten Mutter und Tochter im Tode gemeinsam. Solange, bis das Ende aller Tage kam, an dem selbst die andere Seite zu Schutt und Asche zerfiel.