Blutlust

von Marlene Emmert

veröffentlicht am 27.07.2025

Ein einzelner roter Tropfen landete im Sand und wurde beim Aufprall von den feinen Körnern verschluckt wie von einem Schwamm. Dann ein Zweiter, ein Dritter. Im Flug beinahe schwarz, doch im Sand wandelte sich die Farbe zu einem satten, warmen Rot. Ich regte mich nicht. Sah zu, wie sich eine glitzernde Perle nach der anderen von meiner Nasenspitze löste und in die Tiefe fiel. Die ersten Tropfen waren bereits getrocknet, hatten den Sand zu schwärzlichen Klumpen verklebt. Langsam bildete sich zu meinen Füßen ein großer, dunkler See. Nur verschwommen nahm ich Julians Lachen wahr. Er verspottete mich. Doch seine Stimme schien fern. Als habe sein Schlag mich in eine andere Welt katapultiert. Der Schmerz pulsierte immer noch in meinem Gesicht. Ich spürte heiße Tränen, die sich penetrant einen Weg nach draußen suchten. Ich wollte nicht weinen. Das würde alles nur schlimmer machen. Also hielt ich den Kopf gesenkt, versuchte Schmerz und Tränen wegzuatmen und konzentrierte mich auf die leichte Bewegung der Schaukel, auf der ich saß. Der rote Blutsee zu meinen Füßen wankte hin und her, gelegentlich immer noch erschüttert von eintauchenden Tropfen, die jedoch langsam weniger wurden. Ich konnte den Klumpen spüren, den das getrocknete Blut in meiner Nase bildete. Ob sie wohl gebrochen war? Sie fühlte sich gebrochen an. Zerquetscht und geschwollen.

Wenigstens war kein Blut auf meine Kleidung gespritzt. Obwohl es eigentlich keine Rolle spielte. Mama würde mich trotzdem umbringen, wenn sie mich wegen meiner Nase ins Krankenhaus bringen musste. Ich machte nichts als Ärger. Das sagte sie immer. Es fühlte sich falsch an, wenn sie solche Sachen zu mir sagte. Schließlich hatte ich es mir nicht ausgesucht, Tag für Tag von Julian gequält zu werden. Es war unfair von ihr, so etwas zu sagen. Aber gleichzeitig hatte sie sicher Recht mit ihrer Wut auf mich. Vielleicht war es doch meine Schuld. Schließlich verstand Mama viele Dinge, die ich nicht ganz begreifen konnte.

Still und reglos lag der rote Blutsee vor mir. Die Tropfen aus meiner Nase waren verebbt. Die Abendsonne ließ die Oberfläche funkeln wie einen riesigen, glatten Rubin im Sand. Ich konnte meine eigenen Umrisse darin erkennen. Ein kleiner Junge auf einer Schaukel, der versuchte, seine Tränen wegzublinzeln. Doch es gelang mir nicht. Eine einzelne, dicke Träne quoll aus meinem Augenwinkel hervor, rollte heiß über mein Gesicht zu meiner schmerzenden Nasenspitze, wo sie einige Sekunden zitternd verharrte, bevor sie sich schließlich in die Tiefe stürzte.  

Geräuschlos fiel der transparente Tropfen dem Boden entgegen. Er kam mir so langsam vor. Als widersetze sich diese einsame Träne allen Regeln, an die sie eigentlich gebunden sein müsste. Fröhlich und ohne Hektik wirbelte sie durch die schwüle Abendluft, ausgelassen rotierend, tanzend und lachend.

Erst, als sie des Fliegens überdrüssig war, als sie bereit war, tauchte sie in den roten See ein, verschwand für immer und schickte für einige Sekunden kreisförmige Wellen über die Oberfläche.

„Du bist so ein Baby!“ Wie die Träne in mein Blut eintauchte, so tauchte ich aus meinen Gedanken auf. Ich war zurück auf meiner Schaukel, mit einer schmerzenden Nase im Gesicht. Julians höhnende Stimme war kein undeutliches Hintergrundrauschen mehr. Laut und schmerzhaft drang sie in mein Ohr und traf mich direkt ins Herz. Verbissen ballte ich die Fäuste. Ich wollte den Kopf heben, ihn endlich ansehen. Vielleicht sogar anschreien, so wie ich es mir schon unzählige Male vorgestellt hatte. Es war mein persönliches Versagen, dass ich diese Gedanken nie in die Tat umgesetzt hatte. Etwas, das Julian nur so zum Spaß tat, konnte ich nicht einmal tun, um mich selbst zu verteidigen. Eine Schande.

Doch bevor ich auf Julians Gemeinheiten eingehen konnte, zog eine kaum wahrnehmbare Bewegung meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich runzelte die Stirn. Der tiefrote Blutsee unter meinen in der Luft schwebenden Beinen wuchs. Langsam. Zäh. Dickflüssig wie verlaufende Farbe. Meine Nase blutete nicht mehr und auch meine Tränen waren versiegt. Die Oberfläche des roten Spiegels war glatt und ungestört. Und doch wanderten die Ränder lautlos über den Boden. Fasziniert sah ich zu, wie die Flüssigkeit über den Sand kroch, winzige Steine verschluckte und kleinere Vertiefungen füllte wie ein ausgetrocknetes Flussbett im ersten Herbstgewitter.

„Was ist? Hat das Baby das Sprechen verlernt?“ Julian hatte es noch nicht bemerkt. Er stand direkt vor mir, am Rande der kleinen Sandgrube unter der Schaukel, die sich langsam mit Blut füllte. Zweifellos störte ihn meine geistige Abwesenheit. Er sah es als persönliche Beleidigung an, wenn er nicht zu jeder Zeit der tyrannische Mittelpunkt meines Lebens war. Er würde meine Zerstreutheit nicht lange dulden, bevor er nach mir treten, mich von der Schaukel schubsen oder mir mein Fahrrad klauen würde, um die Kontrolle zurückzubekommen. Dennoch ignorierte ich ihn weiter. Seine kindischen Beleidigungen schmerzten nicht mehr.

Stattdessen sah ich mit zunehmender Faszination zu, wie sich eine kleine, feine Flusszunge bildete, die, getrieben von einer unmöglichen Strömung, unaufhaltsam auf Julian zu schlängelte. Wie eine rubinrote Schlange grub sie sich durch den Sand, folgte einige Sekunden lang einer länglichen Vertiefung, die sie dann jedoch wieder verließ, um weiter in Julians Richtung zu kriechen. Am Rand der kleinen Grube verharrte sie kurz, zog den Rest ihres flüssigen Körpers nach, als müsse sie Kraft Sammeln, um den kleinen Absatz zwischen Sand und Rasen überwinden zu können. Dann schob das unendlich nachströmende Rot die Spitze der Flusszunge schließlich hinüber und diese tauchte in die hohen Grashalme ein. Selbst durch das dichte Grün hindurch glitzerte die tiefrote Spiegelung der Abendsonne, sodass ich der lebendigen Flüssigkeit mit gespanntem Blick weiter folgen konnte. Fast hatte sie Julians Turnschuhe erreicht, als dessen nölende Stimme endlich erstarb. Er hatte den Kopf gesenkt, das Funkeln zu seinen Füßen bemerkt.

„Igitt“, sagte er und verzog angewidert das Gesicht. Doch dann schien seine Miene einzufrieren. Langsam, wie die Schlange aus Blut, grub sich auch die Erkenntnis durch seinen Verstand.

„Was zum …?“ Es war bereits zu spät. Das schmale Rinnsal hatte seine Schuhe erreicht. Überrascht versuchte er, nach hinten wegzuspringen. Doch wie festgeklebt konnte er sich nicht vom Boden lösen.

Schlagartig hielt pures Grauen Einzug in seine kindlichen Gesichtszüge. Ich klammerte mich an die Ketten der Schaukel, zog meine Beine hoch, um nicht aus Versehen den See unter mir zu berühren. Währenddessen kroch mein Blut unter Julians Sohlen hervor und über seine Schuhe weiter nach oben, an seinen Beinen hinauf. Mein eigenes Entsetzen spiegelte sich in Julians Miene wider. Sein panisch umher huschender Blick traf auf den meinen. Er schrie, streckte die Arme nach mir aus, versuchte noch einmal, seine Füße vom Boden zu lösen, um auf mich zuzugehen. Doch es gelang ihm nicht. Und ich sah auch, warum.

Seine blutverschmierten Beine begannen, sich aufzulösen. Sie wurden eins mit meinem Blut, das unterdessen immer weiter an seinem Körper emporkletterte. Julian schmolz, wie eine Wachsfigur in einer heißen Pfanne. Und er schrie. Aus Schmerz oder aus Angst. Vielleicht beides. Auch ich schrie. Jedoch nur innerlich. Kein einziger Laut drang über meine schockstarren Lippen. Mit weit aufgerissenen Augen, auf der langsam hin und her schwingenden Schaukel zusammengekauert, sah ich dabei zu, wie mein Blut Julians Haut, sein Fleisch und seine Knochen zerfraß.

Auf einmal war es nicht mehr meine Träne, die wie ein winziger Meteor die rot glänzende Oberflächenspannung durchbrach. Es war seine. Und es blieb nicht die Einzige. Tropfen um Tropfen landete in der roten Flut, nährte sie.  

Dieser Anblick veränderte etwas in mir. Julians nasses Gesicht, seine verquollenen Augen. Zu oft waren meine Tränen seinetwegen geflossen. Mein Entsetzen, das Grauen, verschwanden nicht. Doch sie traten in den Hintergrund, machten Platz für etwas Neues. Genugtuung. Zufriedenheit. Gier. Ich hatte es verdient, meinen Peiniger fallen zu sehen.

Und er fiel. Mein Blut hatte Julians Beine bis zu seinen Knien aufgelöst. Immer noch schreiend verlor er das Gleichgewicht. Er schaffte es, sich mit den Händen aufzufangen. Doch als auch diese dahinschmolzen, kippte er erneut und tauchte mit dem Gesicht in den lebendigen See ein. Für einen Moment wurden seine Schreie und sein Schluchzen zu einem gequälten Gurgeln. Dann erstarb auch das. Langsam, zäh, hatte es begonnen. Nun eroberte mein Blut seinen Körper in Sekundenschnelle, wie eine Ameisenkolonie, die sich über seine Beute hermachte. Die Pfütze wuchs, genährt von Julians Körper und einer Fontäne, die sich unter mir gebildet hatte. Wie ein kleiner Springbrunnen blubberte die dunkle Masse aus dem Sand hervor, überflutete Julians zuckenden Körper und zersetzte ihn wie eine stark ätzende Säure, bis nichts mehr von ihm übrig war. Dicke Blasen bildeten sich, als müsse der See sein Festmahl verdauen, dann kehrte Ruhe ein. Ein stilles Meer zu meinen Füßen, dessen Ränder sich langsam kriechend weiter ausdehnten. Blut, Tränen und ein zerflossener Körper.

Ich starrte darauf. Unfähig zu verarbeiten, was geschehen war. Unfähig den Kampf zwischen Befriedigung und Bestürzung zu verstehen, der in meinem Inneren tobte. Einige lange Sekunden fühlte es sich an wie das Ende. Der Vorgang fiel. Der Abspann lief, während ich im Hintergrund für immer auf der langsam schwingenden Schaukel kauern und mein schemenhaftes Spiegelbild im Rot betrachteten würde.

Doch nach einer Flut folgt die Ebbe. Ein Sog entstand. Die Ränder der blutigen Masse, die sich zuvor weiter ausgedehnt hatten, zogen sich zurück. An eben jener Stelle, aus der zuvor endlose Massen meines Blutes hervorgesprudelt waren, bildete sich ein Strudel. In Sekundenschnelle versickerte die riesige Pfütze im Sand und hinterließ nicht einmal einen dunklen Fleck. Als sei nie etwas geschehen.

Doch etwas war geschehen. Julian war fort. Seine Schreie klangen noch in meinem Kopf nach. Ich empfand kein Mitleid. Ich empfand Frieden. Der Kampf in mir war ausgefochten. Julian war fort. Endlich.

Und so hob ich den Blick schließlich von der unscheinbaren Stelle im Sand. Ich sprang auf, landete mit den Füßen dort, wo sich Julians Überreste gerade vermutlich ziellos immer weiter in die Erde gruben. Meine Nase schmerzte nicht mehr. Sie war wohl doch nicht gebrochen.

Das Gras raschelte unter meinen Füßen, als ich zu meinem Fahrrad ging, das ganz in der Nähe an einer Sitzbank lente. Während ich mich auf den Heimweg machte, die warme Abendluft in den Haaren, voll Vorfreude auf das Abendessen, ließ ich mit Julian auch die Erinnerung hinter mir.

Und so war mein gleichgültiges Schulterzucken auch nicht gelogen, als meine Mama, das Telefon mit Julians schluchzenden Eltern gegen die Brust gedrückt, mich fragte, ob ich ihn gesehen hatte. Ich wusste nicht, wo er war. Ich wusste nur, dass ich glücklich war. Frei.